100. Todestag


Am 16. Oktober 2020 jährt sich der Todestag von Cäsar Flaischlen zum hundertsten Mal.
Die letzte Ruhestätte des nur 56 Jahre alt gewordenen Dichters und Autors befindet sich auf dem Stuttgarter Pragfriedhof.

Emmy Rotth schreibt über sein letztes Lebensjahr:

„…Gelegentlich einer Reise nach Süddeutschland entdeckten Cäsar und seine Frau in Ingelfingen im idyllischen Kochertale, im dortigen alten Schlosse eine Reihe freundlicher Zimmer, die sie mieten konnten. Sie ließen sie ausbauen, herrichten, mit Wasserleitung und elektrischem Licht versehen und gedachten, sich hier einen ruhigen, freundlichen Sommersitz zu schaffen.
Cäsar war schon in dem letzten Jahre nicht ganz wohl gewesen. Die vielen Vortragsreisen in Wind und Wetter, in ungeheizten Bahnwagen, langes Warten auf zugigen Bahnhöfen hatten ihm häufige Katarrhe und rheumatische Schmerzen verursacht. Die Gesellschaften und der ganze gesteigerte Betrieb, die ihm keine Einkehr in sich selbst – keine Ruhe ließen – das unselige Kriegsende, die Revolution hatten ihn, wie jeden deutsch empfindenden Menschen, ins tiefste Herz getroffen…
Er kränkelte den Sommer 1920 hindurch, nicht an einer wirklichen Krankheit – nur Übermüdung und Unlust quälten ihn. 
‚Hier ist alles wunderschön,‘
schreibt er, ‚grün blühend, blauer Himmel, heiße goldene Sonne, Friede und Heiterkeit. Der herrliche Park mit großen Wiesenflächen, das Badehaus am kristallklaren Flüßchen, Milch, Butter, Eier, Obst in Fülle stehen uns zur Verfügung. Man wüßte nichts von all dem Jammer, der in Berlin das Leben bedrängt, nichts von Politik und all der Irrenhausstimmung der Menschen, wenn nicht täglich Zeitungen und die vielen Briefe kämen. Ich selbst bin freilich gar nicht munter, falle von einer Ermüdung und Energielosigkeit in die andre, dazu Zerren und Ziehen in allen Gliedern, mitunter zum Schreien – – Mehr als eine halbe Stunde Weg schaffe ich nicht.‘
Ende September stellten sich starke Kopfschmerzen ein, der Magen versagt, nimmt keine Nahrung mehr auf … er fühlt sich sehr elend.
Da der einzige Arzt des Städtchens verreist ist, schaffen ihn der aus Ulm herbeigerufene Bruder und seine Frau mittels Auto in das Sanatorium Hornegg*. Die herrliche Autofahrt durch das schöne Gelände – eine sachgemäße ärztliche Behandlung wecken die Lebensgeister noch einmal, eine kurze Besserung läßt auf Genesung hoffen, aber sie ist trügerisch – –
Am 16. Oktober starb er, schmerzlos, ohne Ahnung von seinem nahen Ende, umgeben von seiner Frau und seinen Geschwistern.“

Gotthilf Stecher  über Flaischlens letzte Monate in Berlin und Ingelfingen:

„…Er selbst erlag nur vorübergehend der Versuchung, mit einer unsäglichen Wunde im Herzen das Geschehen in einem veränderten Sinn seines Entwicklungsglaubens zu begreifen, anderen zum Trost, indem er verzweifelte Klagen im Jahre 1919 beruhigte:
‚Nehmt Euch den Unsinn der Welt nicht zu Herzen, wie das bei Euch zu besorgen ist. Ändern tut das an der Sache doch nichts. Die Weltentwicklung biegt um eine Ecke – die rückwärtige Landschaft mit ihren stolzen Burgen und Schlössern sinkt zurück – und es beginnt eine rationalisierende-demokratisch-proletarisierende Tiefebene – da ist gar nichts zu wollen‘
In Wirklichkeit bewies er seine Elastizität nicht durch bewegliche Umstellung auf den berühmten Boden der Tatsachen, sondern in dieser größten Probe seines erkämpften Idealismus gegen die Welt siegte, über alle Zweifel erhaben, himmelhoher Glaube. Wohl meine er, es gäbe fürs erste nichts anderes, ‚als die Siegeswelle unserer allgemeinen Unintellligenz, auf deutsch Dummheit, über uns hinrollen zu lassen‘; aber hernach gelte erst recht: Kopf obenauf! Das, ‚was uns groß werden ließ, ist noch lange nicht tot und ist auch von tausend Soldatenräten nicht umzubringen. Dessen bin ich guter Dinge, und diesen Glauben wollen wir behalten und dafür werben‘.
Noch einmal warf er sich in den Sattel: Die Tausende von Briefen von der Front und aus der Gefangenschaft – sogar seine „Toni Stürmer“ hatten sie in England aufgeführt! – ordnete er zusammen in Schachteln, deren jede die Aufschrift bekam: „Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor“ [ein Rächer wird aus meinem Staube erstehen; Zitat aus Virgils Äneide].
Aus der grenzenlosen Verwirrung der Tage heraus, die das Chaos bringen zu sollen schienen, rief man nach ihm um Hilfe. „Alltag und Sonne“, hundertste Auflage – schon vor Ausgabe vergriffen . Vom „Jost“ ist die fünfzigste Auflage notwendig geworden – es hat alles im einzelnen und im großen Allgemeinen ein Tempo angenommen – wie ein Auto – bei dem die Bremsen locker geworden sind. Unheimlich! Alles schreibt Eilbriefe und Telegramme. Es kann so nicht weitergehen. Das war seine Erholung im idyllischen Kocherstädtchen Ingelfingen, wo Frau Dillie im alten Hohenloheschen Fürstenschloß ein Sommerruheheim ausfindig gemacht hatte, das sie sich zur jährlichen Wiederkehr wohnlicher machen wollten; vielleicht als Übergang zu einer dauernden Rückkehr in die Heimat. Dort sammelte er, so gut das unter solchen Umständen ging, Kraft für die Winterkampagne durch ein halbes Hundert deutscher Städte, die nach ihm zur Hebung der Stimmung verlangten. Er durfte es erleben, daß der Stadtpfarrer sein überall gesungenes und aufgehängtes „Hab‘ Sonne im Herzen“, das er einst der Freundin Emmy gedichtet hatte, zum Thema seiner Sonntagspredigt wählte.
So ging er in den Winter hinein, wieder von Stadt zu Stadt, in dem Jammer der zusammenbrechenden Eisenbahnverhältnisse geschunden und gehetzt, von Erkältung und Grippe tückisch überfallen. Und so ging es in das Jahr 1920 hinein – wie es schien, mit immer höher steigenden Anforderungen. Wieder sollte das liebgewordene Ingelfingen den erschöpften Nerven Ruhe schaffen. Ja, es sollte sogar noch endlich wieder Muße geben für die Arbeit an einem neuen Gedichtband – ein Koffer voll Manuskripte stand bereit, als er, alter Gewohnheit treu, mit der Gattin Arm in Arm abschiednehmend durch alle Zimmer der Wohnung und an seiner kostbaren Büchersammlung aus dem 18. Jahrhundert vorbei wanderte und das Bild der Mutter noch einmal grüßte. Cäsar Flaischlens letzter Sommer in Ingelfingen brach an, dessen helle Lichter und tiefe Schatten Frau Dilllie in wehmütiger Schilderung dem Gedächtnis bewahrt hat: ‚Der Brunnen im Schloßhof plätscherte, die Rathaustür schlug, still zog der Kocher seine Bahn und die Sonne lachte‘.
Neue sonnige Gedichte entstanden; ältere aus all den Jahren seither überprüfte er auf ihre Eignung für den neuen Band, den er allen Ästheten und Zünftlern zu lachendem Trotz „Mandolinchen, Leierkastenmann und Kuckuck“ nannte. Es kamen neue Reihen von Liedern hinein, die „Sehnsucht und Erfüllung“ und den ganzen Sinn seines Lebens mit völlig gelöstem Rhythmus, innerer Freiheit, bewegter Dankbarkeit und überlegener Welt- und Selbsterkenntnis aussprechen – und die nur mit Ergriffenheit lesen kann, wer dieses Leben rückschauend überblickt.
Besuche kamen von überall her. ‚Dann stieg Cäsar mit der großen Zinnkanne in den Keller hinab und holte Wein aus unserem Fäßle. Wir saßen plaudernd um den runden Tisch oder er las aus seinen Büchern vor‘.
Mitten drin brach die mitgeschleppte Krankheit vollends durch, deren tödlicher Charakter sich rasch entwickelte. Schon von ihr gepackt, aber ohne Ahnung, schrieb er noch seine letzten Briefe, darunter diesen an Franz Hermann Meißner, den Direktor des Zoologischen Gartens in Berlin:

Ingelfingen a.K., am 20. September 1920.
Lieber Franz Hermann!
Vor etlichen Tagen kam Dein Handschreiben in Sachen Willi des Bölsches 60. Wiegenfest-Fest.
Du drohst mir zwar unverhüllt mit einem zehnfachen Bannfluch – aber – wenn ich all dem gerecht werden würde – das ich von mir aus selbst herzlich gern möchte – dann würde sich dieser zehnfache Bannfluch ohne weiteres erledigen – denn ich würde dann meinen 60. Geburtstag überhaupt nicht mehr erleben.
Ich habe mich den ganzen Sommer mit schweren Anfällen aller Art herumzuschlagen gehabt – augenblicklich ist eine Art Kopfgrippe über mir – ein Vergnügen – das ich selbst den giftigsten Literaten nicht anwünschen möchte —
Und um endlich wieder auf den Damm zu kommen, habe ich auch die lockendsten Verpflichtungen zu Vorträgen für den kommenden Winter rundweg abgelehnt,
1. aus besagten körperlichen Gründen,
2. aus geistigen Gründen – ich muß – nachdem ich mich fünfzehn Jahre lang für alle möglichen anderen Dinge aufs freigiebigste verpulvert habe – nachgerade wieder zu mir und zu dichterischem Schaffen kommen.
Conclusio: So gerne ich nur gerade Bölsche mitfeiern würde – ich weiß wirklich nicht, ob ich zur Jahreswende überhaupt in Berlin bin. Ich bin da vermutlich in irgendeinem Schlammbad — Berlin ist allerdings auch eins! – um meinen leiblichen Menschen wieder in sattelfestere Form zu bringen – und bitte Dich daher, ein bißchen Einsicht und Wohlwollen zu haben – und mich von der mir zugedachten Festrede zu dispensieren – zumal Du selber weißt – daß ich ein nur mittelmäßiger Redner (Ableser) bin und daß mir sowas wochenlagene Arbeit machen würde.
Außerdem hast Du schon so viel berühmtere und gelenkigere Reiter auf Deiner Liste.
Also —- wenn es nicht anders geht: verfluche mich, aberloß mi auffi!
Dein
Cäsar Flaischlen

Meine Frau läßt Dich grüßen und Dir sagen: Ich hätte kein Recht, sie vorzeitig als Witwe in dieser scheußlichen Welt zurückzulassen und ein neues Buch von mir sei mehr Wert als fünfundzwanzig und fünfzig Vorträge und Festreden. Und Sie hat recht!‘

Bald darauf mußte er in das *Sanatorium Schloß Hornegg gebracht werden, sorglich ins Auto gebettet, von der Gattin und dem herbeigeeilten Bruder geleitet: ‚Die Landstraße und die Wiesen prangten im Schmuck der mit Früchten behangenen, vielgestützten Obstbäume. In den Weinbergen, bei der Lese, sangen die Burschen und Mädchen, während sie die Kübel mit quellenden Trauben füllten. Auf denFeldern wurde die Ernte eingebracht, Stimmen und Zurufe hallten über die Ebene, und über allem leuchtete ein herrlicher blauer Himmel mit goldener Sonne‘.
Auf dem Schloß, das herüber- und herabblickt auf die Gefilde unvergesslicher Jugendtage, Wimpffen am Berg und Wimpffen im Tal, ist er, nach tapfer ertragenem wachsendem Leiden am 16. Oktober entschlafen. Zu seinen letzten Aufträgen gehörte die Anweisung, der Neuauflage vom „Schloß der Zeit“ das Motto vorzusetzen: „In fortioris saeculi gloriam“.
Der Geistliche, der ihn kannte und liebte, durfte auf dem Stuttgarter Pragfriedhof mit herzlicher Überzeugung am Grabe die Worte sprechen: ‚Ich muß wirken die Werke des, der mich gesandt hat‘...

Aus einem Nachruf von Cornelia Kopp:

Jäh ist der Mund verstummt,
der so viel frohe und ernste,
so viel gütige und tröstende Worte uns ins Herz sang,
der seine Kunst gelebt hat,
wie er es von dem echten Dichter forderte,
und der deshalb allen Nörglern zum Trotz etwas gewesen ist,
um den ihn mancher Genialischere beneiden könnte:
ein Ganzer.

Vita
Die letzte Ruhestätte
Cäsar Flaischlen zum Gedächtnis“ gesprochen an seinem Grabe vom Künzelsauer Stadtpfarrer Geißer, an Silvester 1920 (pdf)


*Sanatorium Hornegg (Schloss Horneck, Gundelsheim)
1890 richtete Friedrich Trump eine Kneipsche Heilanstalt im Schloss Horneck ein. Während des Ersten Weltkriegs wurde das Schloss in ein Kriegslazarett unter Leitung des Geheimrats Dr. Ludwig Roemheld umgewandelt. Nach Kriegsende wurde der Kurbetrieb wieder aufgenommen. Die Stelle des früh verstorbenen Dr. Roemheld trat Dr. Karl Recknagel an. Unter den Kurgästen waren z.B. Königin Charlotte von Württemberg, Gustaf Gründgens, Marianne Hoppe, Carl Zuckmayer und Luis Trenker.