Grafische Literatur-Tafel von 1890 im November 2016 weltweit veröffentlicht


Ein vierköpfiges Forscherteam aus dem Umfeld der Digital Humanities (National Research University Higher School of Economics, School of Linguistics, Moskau) hat Anfang November 2016 einen Beitrag zu Flaischlens großartiger „Litteratur-Tafel“ von 1890 gebloggt:
literaturtafel
http://weltliteratur.net/A-Giant-1890-Flowchart-of-Foreign-Influences-on-German-Literature/.

Der Text ist auf englisch, aber die Tafel selber natürlich nicht. Das Team um Prof. Fischer hat auch eine Website dazu gebaut, wo man den „Fluss“ komplett herunterscrollen kann, hochauflösend:

http://litteratur-tafel.weltliteratur.net/.

Prof. Dr. Frank Fischer bezeichnet die „Litteratur-Tafel“ als sensationell und teilt in einer E-Mail-Nachricht mit, dass es ihm und seinen Kolleg*innen großen Spass bereitet hat, die Umstände der Entstehung zu recherchieren.

 

Erklärende Einleitung“ von Cäsar Flaischlen zu seiner Literatur-Tafel von 1890.

 

1891 wurde die Litteratur-Tafel von W.T. Harri / Baltimore in einer Veröffentlichung des 1878 gegründeten ältesten Universitätsverlags der USA vorgestellt.

Rezension von 1891

 

Brief Mention
Author(s): W. T. Harris
Source: Modern Language Notes, Vol. 6, No. 1 (Jan., 1891), pp. 28-29
Published by: The Johns Hopkins University Press

http://www.jstor.org/stable/2919189

 

…“The same firm (Anmerk.: G. J. Göschen ) have published a ‚ Graphische Litteratur-Tafel ‚ or ‚ Die Deutsche Litteratur und der Einfluss fremder Litteraturen auf ihren Verlauf, vom Beginn einer schriftlichen Ueberlieferung an bis heute, in graphischer Darstellung,‘ by Dr. C. FLAISCHLEN. German literature is here delineated as a river with many smaller streams representing foreign material and foreign forms flowing into it. It is, of course, impossible to represent adequately, by a combination of lines and colors, such a complicated process as the growth of a literature, and all attempts in this direction must in a sense be failures, if for no other reason than on account of the practical difficulties of indicating the indirect and permanent effects produced by temporary tendencies. Within the possibilities of graphic representatioin, however, Dr. FLAISCHLEN has done his work extremely well, while the mechanical execution is excellent and very pleasingo to the eye.“

 

Zwei Jahre später spuckt der deutsche germanistische Mediävist Edward Schröder  in einer Besprechung der Litteratur-Tafel „Gift und Galle“.

Rezension von 1893

 

Flaischlen, Graphische litteraturtafel
Autor: Edward Schröder
(* 18. Mai 1858 in Witzenhausen; † 9. Februar 1942 in Göttingen
Anm.: Im November 1933 gehörte Schröder zu den Unterzeichnern des Bekenntnisses der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat.)

Quelle: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur, Seite 87 – 88

 

Graphische litteraturtafel. die deutsche litteratur und der einfluss fremder litteraturen auf ihren verlauf vom beginn einer schriftlichen überlieferung an bis heute in graphischer darstellung von CAESAR FLAISCHLEN.
Stuttgart, Göschen, 18909. –
diese litteraturtafel ist ein ebenso geschmackloses wie unwissenschaftliches experiment, mit dem wir uns gar nicht abgeben würden, wenn es nicht leider von der angesehenen verlagsbuchhandlung mit unschöner reclame angepriesen worden wäre. die deutsche litteratur erscheint hier als eine kopf- und schwanzlose riesenschlange, die man der bequemern unterbringung halber in drei teile zerschnitten hat. in ihrem leib, der sich nach willkür des schlangenbändigers bald rechts bald links krümmt, jetzt anschwillt, jetzt sicher verdünnt, bohren sich von rechts und links her grell bunte sowie farblose würmer — das sind die fremden litteratureinflüsse. zwischen dieses unruhige geschlängel sind dann zahlreiche namen gedruckt und obendrein noch kreise geschlagen, die sich vielfach durchschneiden.
Man muss diesen wirrwarr nur sehen, und das unmögliche des versuchs, in dieser weise die entwicklung des geistigen lebens zu schildern, wird jedem litteraturkundigen klar. sollen graphische formeln würklich einen pädagogischen oder auch nur mnemotechnischen wert haben, so müssen sie unbedingt viel einfacher und anspruchsloser sein. merkwürdig genug sieht der verf., der ein ganz gutes buch zur litteraturgeschichte des 18 jhs. geschrieben hat, die elementaren schwierigkeiten selbst ein und setzt sie in der ‚erklärenden einleitung‚ ganz verständig auseinander; aber gleichwol glaubt er, dass sein wurmragout auch für die fachleute schmackhaft sein werde: wenn nicht, so können sie sich ja nach belieben noch mehr namen drauf streuen! —
ich will bei den zahlreichen historischen irrtümern, die besonders die auffassung der älteren zeit betreffen, gar nicht verweilen, sondern nur an ein paar beispielen zeigen, zu welchen schiefheiten die barocke ausführung des trivialen einfalls gelangt ist. da mündet bald nach 1130 von rechts her ein roter (französischer), von links her ein weißer (antiker) arm: an der mündung des einen steht ‚Rolandslied‘, an der des andern ‚Alexanderlied‘. dass diese beiden frühsten dichterischen übersetzungswerke als litterarische erscheinungen unter den gleichen historischen gesichtspunkt fallen, wird also völlig verwischt! was der wechselnde leibesumfang der litteraturschlange eigentlich zu bedeuten hat, erfahren und erkennen wir durchaus nicht. blüte und verfall kann damit wol gemeint sein, denn nach Goethes tode beobachten wir eine beständige zunahme. also wol die schwankende litterarische production? aber 1210 — 1410 erleben wir gerade bei wachsender menge des schrifttums die tragische geschichte des suppenkaspars, und auch um 1620, zur zeit der grössten blüte des büchermarkts, sieht der leib recht schmächtig aus, wärend er sich um 1650 eines behaglichen embonpoints erfreut. wir kommen am ende darauf, dass die fremden einflüsse und ihr ausbleiben allein an allem schuld sind; denn allerdings zwischen 1250 und 1450 bleiben bei F. die bunten würmer ganz aus! ein rätsel ist uns auch, was eigentlich die wechselnde richtung des stromes veranlasst, denn ein terrain ist nicht angedeutet, und man erwartet (vgl. den titel) vergeblich, dass die einmündenden nebenflüssen den lauf beeinflussen werden. und gar vieldeutig sind schließlich noch die idealen kreise, die das gesamtbild noch complicierter gestalten: einer von ihen XIV ‚Jung-Deutschland‘, umfasst neben dem, was wir gewöhnlich unter dem jungen Deutschland verstehn, fast die ganze ’schwäbische schule‘ und außerdem Rückert, Freiligrath und Bodenstedt!
SCH