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Artikel von Harald Kraft in Buchhändler heute, Ausgabe 03/2006Aus: Buchhändler heute, 03/2006 (von Harald Kraft)
(Fast) Vergessene Dichter
Cäsar Flaischlen
Cäsar Flaischlen, der auch unter den Pseudonymen Cäsar Stuart und C. F. Stuart seine Bücher als Dramatiker, Erzähler, Lyriker und Neuromantiker veröffentlichte, wurde 1864 in Stuttgart als Sohn eines Offiziers geboren. Er besuchte die Gymnasien in Ellwangen und Stuttgart. 1879/86 absolvierte er eine Buchhändlerlehre in Stuttgart und war dort und danach in Brüssel sowie in Bern Buchhändler. Ab 1886 studierte er Philosophie und Philologie in Berlin und Heidelberg sowie 1888/89 in Leipzig. Zum Dr. phil. promovierte er 1889. In Berlin war er seit 1890 in Kontakt mit dem „Friedrichshagener Dichterkreis“. In diesem Umfeld pflegte er die Verbindung mit dem Schriftsteller Otto Erich Hartleben (1864-1905). Im Zeitraum 1896/1900 war Flaischlen in Berlin Redakteur der Jugendstil-Zeitschrift Pan. 1920 ist er mit 56 Jahren in Gundelsheim gestorben.
Cäsar Flaischlen verfasste im Naturalismus einige Dramen und später schwäbische Dialektgedichte. Er entwickelte sich zu einem viel gelesenen Dichter des Bürgertums im ausgehenden 19. Jahrhundert. Verbreitet waren seine Gedichte in Prosa, die er unter dem Buchtitel Von Alltag und Sonne (1888) herausgab. Einen größeren Leserkreis fand sein aus Briefen, Monologen und Tagebuchblättern in zwei Bänden zusammengesetzter Entwicklungsroman Jost Seyfried (1905).
Flaischlen galt als ein „Poet des heiteren Glanzes und der reinen Rhythmen“. In seinen Natur-, Liebes- und Lebensidyllen schenkte er den Menschen Trost. und Humor, um den Alltag zu bestehen. Flaischlen rief in seinen Büchern zu einem neuen Verständnis vom Wesen der Kunst im Verhältnis zum Künstler und den sich daraus ergebenden Werten auf. Im Grunde ging es dem Schriftsteller um die Schaffung neuer Ideale im Leben der Menschen unter Einbeziehung der Kunst. Cäsar Flaischlen gehörte mit diesen Gedanken der kulturpolitisch-literarischen Bewegung der Heimatkunst an, die sich in der Literatur um 1890 begründete und eine geistige Neubelebung des Volkes zu erreichen suchte. Die Heimatkunst wandte sich vor allem gegen den Naturalismus.
Flaischlen schrieb 1886 das Drama Graf Lothar, 1891 das Schauspiel Toni Stürmer und 1895 das Weltanschauungsdrama Martin Lehnhardt sowie 1897 die Erzählungen Professor Hardmuth und Flügelmüde. Aus dem Leben eines Jeden (Vorstudie zu Jost Seyfried, zusammen in einem Buch). Zu nennen sind noch von 1892 die schwäbischen Dialektgedichte Vom Haselnußroi.
Es folgten 1899 seine gesammelten Gedichte Aus den Lehr- und Wanderjahren des Lebens. In diesem Buch sind noch die Briefe und Tagebuchblätter 1884 – 1899 enthalten. Darüber hinaus konzipierte er 1907 das Neujahrsbuch mit Gedichten und 1909 unter dem Titel Zwischenklänge nochmals eine Ausgabe Gedichte. In der Zeit des Ersten Weltkrieges (1915) zeigten sich mit den Leitworten Kopf-oben- auf; die Hand am Knauf; mein deutsches Volk verschiedene Gedichte und Skizzen zum Krieg. Danach stellte er 1916 in der Überschrift Heimat und Welt die „Ausgewählten Gedichte in Vers und Prosa“ zusammen. 1921, ein Jahr nach Flaischlens Tod, wurde mit Mandolinchen, Leierkastenmann und Kuckuck ein „Liederbuch von Sehnsucht und Erfüllung“ herausgegeben. Die Gesammelten Dichtungen wurden ebenfalls 1921 in sechs Büchern ediert. Zu erwähnen sind noch die Dialektgedichte Von Derhoim ond Drauße (1924).
Flaischlen war auch als Literaturhistoriker tätig. Zudem ist er im 1911 vom Schillerverein publizierten Hausbuch schwäbischer Erzähler mit zwei Beispielen seiner Dichtung vertreten. Mit seinem dreistrophigen Gedicht Hab Sonne im Herzen ist Cäsar Flaischlen bis heute in Erinnerung geblieben.
(Harald Kraft; Harald Kraft ist langjähriger BH-Mitarbeiter: Er verbindet seinen Beruf mit seinem Hobby dem Schreiben von Artikeln aus dem Spektrum der Literatur)

 

 

Artikel aus der Schwäbischen PostWer war eigentlich… Cäsar Flaischlen, nach dem eine Straße auf der Wolfgangshöhe benannt ist?
Ein Dichter „mit Güte und Liebe“
SP vom 11. August 2005 (pdf) mit freundlicher Genehmigung der Schwäbischen Post

 

 

 

 

 

 

Auszug aus der Stuttgarter Zeitung vom 14. Oktober 1995:
Sonne im Herzen
Ave Cäsar
Gaeubote 1. Juli 2000
Unvergessen! So schwören oft Hinterbliebene, wenn ein lieber Mensch das Zeitliche gesegnet hat. Gleich darauf bricht die große Erinnerungsschwäche aus. Unser Gedächtnis hat keine Marathonqualitäten. So ergeht es auch Cäsar. Nein, nicht dem römischen Feldherrn, sondern dem Stuttgarter Schriftsteller mit dem schönen Namen Cäsar Flaischlen. Auch ihm haben sie vor 75 Jahren ewiges Andenken geschworen, nachdem er am 16. Oktober 1920 sechsundfünfzigjährig in einem Sanatorium bei Gundelsheim verblichen war. Und heute? Ja, ja, wir haben die Cäsar-Flaischlen-Straße nahe dem Stuttgarter Herdweg. Aber wer, bitte schön, kennt noch eines seiner Dramen? Wer kann noch eines seiner Gedichte aufsagen? Eben.
Dabei war dieser Cäsar, als Sohn eines Hauptmanns 1864 in der Rotebühlstraße geboren, ein Feldherr des Wortes. Als Schüler des Eberhard-Ludwig-Gymnasiums schmiedete er Verse. Als Lehrling in der Metzlerschen Buchhandlung nahm er, der Seriositiit zuliebe, den Vornamen Otto an und reimte ohne Unterlaß weiter. Und als er nach Studien in Berlin und Leipzig schließlich den Doktortitel errang, hatte er seinen ersten Gedichtband längst heraus gegeben. Er lebte nur, wenn er schrieb.
Weil er – auch so einer – schon damals fürchtete, daß „in Stuttgart mein Lorbeer nie und nimmermehr blüht“, emigrierte er 1890 nach Berlin, wurde Literaturredakteuer, schrieb Gedichte, Schauspiele und Aphorismen~ und wurde in den höchsten Tönen gerühmt: als „Beichtvater der gesamten jüngeren Dichtergeneration“, als „Revolutionär“. Und so weiter und so fort. Bloß in der schwäbischen Literaturgeschichte mäkelte einer herum, man vermisse „die Reife des fertigen Künstlers“. Und zu seinem 40. Todestag bescheinigte ihm ein hochmögender Rezensent, Cäsar sei halt ein schwungvoller Stilisierer gewesen, aber „kein großer Dichter“.
Wir wollen dieses Urteil nicht anfechten. Wir stellen nur mit banausenhafter Genugtuung fest, daß exakt jene Verse überlebt haben, die dem Poeten Flaischlen einst Hohn und Spott der Literaturkritik eingetragen haben. Er war eben nicht nur ein ehrgeizige Poet, sondern auch ein schwäbischer Romantiker, dem ein wärmender Sonnenstrahl über alles ging. Deshalb veröffentlichte er den Gedichtband „Von Alltag und Sonne“, dessen Auflage zweihunderttausend Exemplare überschritt. Ein richtiger Bestseller also.
Und genau in diesem Werk steht das Gedicht, das viele noch kennen, ohne zu wissen, daß es Cäsars Werk war: „Hab Sonne im Herzen, ob’s stürmt oder schneit, ob der Himmel voll Wolken, die Erde voll Streit … hab Sonne im Herzen, dann komme was mag: das leuchtet voll Licht dir den dunkelsten Tag.“ Klar, für solche Reime gibt es keinen Stammplatz in der Literaturgeschichte. Eher schon im hintersten Winkel mancher. Leserherzen. Wo es gemütlicher ist, mag jeder selbst entscheiden.
Modern, berühmt, en vogue, in, aktuell, geil: nein, das ist er nicht mehr, unser Dichter Cäsar. Aber lesenswert sind seine Stücke noch immer, vor allem, wenn sie auf Stuttgart von anno dazumal anspielen. Und wenn sich jemand, zum Beispiel vom verehrlichen Schriftstellerverband, am Montag die Mühe machte, dem Kollegen zum Todestag ein Ave-Cäsar-Sträußle aufs Grab zu legen (Adresse? Pragfriedhof, vorderer Teil, vor dem Krematorium!), dann hätte dies wenigstens etwas Gutes: Dann wären die damaligen „Unvergessen!“ Schwüre ausnahmsweise nicht ganz verlogen gewesen.
Martin Hohnecker

 

Vor Jahr und Tag
Poet mit Sonne im Herzen
Cäsar Flaischlen. Prägnanter könnte man die beiden Seiten schwäbischen Seins kaum zusammenfassen: hier der ans Altlateinische gemahnende, bildungsbürgerlich gesättigte Vorname, dort beste schwäbische Familientradition. Aus so einer Spannung heraus wird man leicht zum Lyriker, und Cäsar Flaischlen, vor 125 Jahren am 12. Mai 1864 im Haus Rotebühlstraße 63 geboren, hat das mit seinen eingängigen Zeilen „Hab‘ Sonne im Herzen, ob’s stürmt oder schneit!“ hinreichend bewiesen.
Sicher, als der Hauptmannssohn von 1880 bis 1883 in der Metzler’schen Buchhandlung lernte, legte man ihm den Rufnamen „Otto“ zu, weil der Cäsar hier wohl nicht taugte, aber alsbald, umgezogen in die Reichshauptstadt Berlin, trat das Humanistische offen zutage: Flaischlen war von 1895 bis 1900 immerhin Redakteur bei „Pan“, der damals führenden Kunst- und Literaturzeitschrift. Und sein Roman „Jost Seyfried“, der 1905 erschien, erregte Aufsehen, weil es im herkömmlichen Sinn kein Roman war: eine rhythmische Prosa mit eingestreuten Aphorismen, Sprüchen und Reimen. Im Umfeld der Expressionisten feilte Flaischlen mit Längs- und Querreihungen von isolierten Wörtern an seinen Strophen, aber Schlichtheit und volkstümlichkeit gewannen den Kampf.
Nach dem Ersten Weltkrieg, als die Nachfrage nach innerer Einkehr wuchs, erlebte sein Gedichtband „Von Alltag und Sonne“ einen ungeheuren Boom: 1921 wurde das 209. Tausend erreicht.
Flaischlen, am 16. Oktober 1920 gestorben, wurde auf dem Pragfriedhof begraben und ist heute weitgehend vergessen. Aber ein historisches Zeugnis sind seine Strophen allemal.
(Helmut Böttiger, Freitag, 12. Mai 1989, Quelle unbekannt)

 

Aus: NORD UND SÜD. Eine deutsche Monatsschrift, herausgegeben von Ludwig Stein., Juli 1920 – S. 79
Adolf Armin Kochmann (*08.12.1890, †05.05.1952), Berlin:
Cäsar Flaischlen

„Wenn man den soundsovielten Geburtstag eines längst verstorbenen Dichters feiert, sei es auf dem Theater oder auch nur in Zeitungsaufsätzen, wird manch Lebender oft zum erstaunten Bewunderer des Toten. Da liest und erfährt man erst, wie schwer und hart solch ein Dichter um sein Dasein hat kämpfen müssen, oft so lange, bis er der undankbaren Welt den Rücken kehrte. Ja, der Tod war vielen Dichtern der willkommene Erlöser, und manchen — sogar ein Heinrich von Kleist — warf sich ihm freiwillig in die Arme.
Kleist ging in den Tod, weil er keine Anerkennung fand. Heute zählt er zu den Klassikern! Standen einstmals gebildete Menschen diesem oder anderen bedeutenden Dichtern mit sträflichem Gleichmut gegenüber, so ist es uns sozialer denkenden und empfindenden Menschen vergönnt, das von unsern Ahnen verübte Unrecht gut zu machen an unsern lebenden Dichtern. Allein dieses Schuldgefühl darf uns aber nicht veranlassen, jeden Dichter ohne Unterschied als einen Heros der Dichtkunst zu preisen, oder ihn als großen Menschen zu verehren! Es gibt heutzutage Dichter, die nichts anderes als schriftstellernde Handwerker sind, wenn sie auch dabei durch Augenblickserfolge „gemachte Männer“ werden. Gerade diese Leute sind die größte Gefahr für die großen, wahren und echten Dichter.
Ein Dichter, dem Kunst und Handwerk stets streng getrennte Dinge waren, ist Cäsar Flaischlen, unser beliebtester und einer der wenigen wirklich volkstümlich gewordenen Lyriker der Gegenwart.
Er wurde am 12. Mai 1864 zu Stuttgart als Sohn eines Offiziers geboren, ward Buchhändler, hielt sich 1883 in Brüssel und 1885 in Bern auf, studierte 1886 — 89 in Berlin, Heidelberg und Leipzig Philosophie. Kurze Zeit betätigte er sich als Redakteur an der von ihm mitbegründeten Kunstzeitschrift „Pan“, deren vornehm-literarisches Gepräge durch die Mitarbeit der hervorragendsten Dichter und Künstler Deutschlands bestimmt wurde. Schon in diesen Blättern suchte Flaischlen als Dichter und Anreger einer und zugleich „seiner“ neuen Art, Dichtungen zu schaffen, sich durchzusetzen, doch geschah dies nachhaltiger wohl erst durch sein lyrisches Bekenntnisbuch „Von Alltag und Sonne“. Es enthält Rondos, Lieder und Tagebuchblätter, das Mönchguter Skizzenbuch, Lotte, eine an Schlegels „Lucinde“ erinnernde Lebensidylle, und „Morgenwanderung“, eine märchenhafte Phantasie über die Fesselung der Sonne. Einige Zeilen aus einer Kritik setzte er dem Gedichtband in Prosa als Geleitwort vor: „Dieses Buch will nicht kämpfen. Es kommt ohne Waffen. Es kommt wie ein froher Mensch, der durch einen Sonntagmorgen wandert und sich der schönen Welt freut, die sich um ihn breitet, und dann und wann ein Lied singt.“ Das ist das „Rezept des Dichters, wie es angewendet werden muß, sagt er auf dem XX. Tagebuchblatte: „Ich möchte einmal ein Buch schreiben, ein kleines, frohes Buch .. das ich aber nur denen geben möchte, die es lieb haben und die mit ihm froh sein könnten .. ein kleines Buch, in dem nur stünde: wie schön der Sonnenschein über dem Garten draußen am See, mit den blühenden Rosen .. und wie schön das Lied der Vögel in den schattigen Baumwipfeln und wie schön der blaue Himmel über dem Allen und seine weißen Wolken .. denn ich bin ja selber nur ein Stückchen Garten, Wald und See .. über dem die Sonne flimmert, über dem Vögel singen, über dem die Wolken ziehn …“
Wer so einfache Dinge so schön zu sagen weiß, ist nicht nur ein Dichter, sondern auch ein gesund empfindender Mensch. (Übrigens auch ein Pantheist wie Goethe!) Und Mensch sein sit weit mehr — den Wert der Dichtung bestimmt erst die Persönlichkeit des Verfassers. Aus jeder Zeile, ja aus jedem Worte und nicht zuletzt aus der Satzstellung und der Zeichensetzung einer Schöpfung Flaischlens spricht seine markante Persönlichkeit, und zwar der Mensch noch stärker als der Dichter. Des letzteren Sprache ist von einer lieblichen Zartheit; sie klingt wie Musik. Gedichte werden im wahrsten Sinne des Wortes zu Liedern Stimmungsbilder zu Sinfonien. Der „Mensch“ predigt die Menschenliebe, preist die Schönheit der Welt, ermutigt die Verzagten und tröstet so wunderbar, das der Leser sich fast danach sehnt, Leidender zu sein.
Wie Flaischlen seine Absicht „Dichter zu werden“, ausführte, erzählt das zweibändige Hauptwerk „Jost Seyfried“, ein autobiographischer Roman in Brief- und Tagebuchblättern, von dem aber der Dichter sagt, er sei aus dem Leben eines Jeden. Dieses Buch schildert den Kampf Jost Seyfrieds mit sich und mit der Außenwelt um „Durchsetzung seines Lebensglaubens, und durch seine Wandlungen in der für jeden Schaffenden so kritischen Zeit zwischen Dreißig und Vierzig“ (wie es in der Vornotiz heißt).
Der erste Entwurf stammt aus dem Jahre 1892. Geschildert wird der „Zwiespalt, in den man sich geworden sieht, wenn man aus der Heimat in das Leben kommt … und der schließliche Niederbruch unserer Jugendwelt mit ihren allzu idealisierenden Anschauungen im Ringen mit den entgegengesetzten der Wirklichkeit“. Was Flaischlen in seinen Gedichtsammlungen „Von Alltag und Sonne“ und „Aus den Lehr- und Wanderjahren des Lebens“ (32. Aufl. 1919) anstrebte, führte er in seinem Roman „Jost Seyfried“ weiter aus; er ergänzt sie in seinem Zielpunkt: den Menschen unserer Jugend zu zeigen im Kampfe mit der Großstadt-Welt.“ Das Buch greift aber auch auf die Bühnenstücke „Toni Stürmer“ und „Martin Lehnhardt“ zurück; die drei Werke sollten eine Trilogie ergeben. Flaischlen wollte indessen seine Gedanken nicht in von Bühnengesetzen bedingte Formen zwängen, die kein passender Rahmen für die im Roman mitunter vorkommenden „zarten Sachen “ gewesen wären. Auch der Fluß der Handlung in einem Theaterstück hätte andererseites gelitten durch an sich noch so schöne, monologartige Betrachtungen, wie die folgende:
„Aber: es ist zu laut geworden in der Welt, und es wird immer lauter, und man verliert sich immer mehr an all den Lärm, ob Äußerlichkeiten und findet immer weniger Ruhe: den stillen Strömen zu lauschen, die in der Tiefe unseres Lebens gehen, und auf die Wunderwelt, durch die sie führen, jenseits des groben Scheins der Dinge, mit dem wir uns genügen müssen!“
Kein Wunder, daß Flaischlen sagt: Stoff und Handlung seien eigentlich Nebensache! Von der Handlung im Drama behauptete Maeterlink dasselbe, zufällig ein ebenso großer Optimist, wie Flaischlen. Zwei Dichter, die aus dem bedrückenden Düstern einer kranken Welt zuerst keinen Ausweg fanden, dann aber plötzlich die engen Fesseln sprengten und, durch das Leid verjüngt, Auge und Herz sich an dem Anblick der lebenspendenden Sonne laben ließen. Während der Genter durch den amerikanischen Philosophen und Lebensbejaher Emerson beeinflußt wurde, geschah dies bei dem Schwaben durch Nietzsche, und Flaischlen bezeugt dem großen Dichterphilosophen seinen Dank: „Läutet die Glocken, wenn sein Name genannt!“ „Er dachte königlicher als Jahrhunderte!“
Ein anderer bedeutender Mann, dem Flaischlen Gefolgschaft leistete, war Ibsen, dessen Kunst er mit einem „Hochgebirge“ vergleicht, und von dem er mit Überzeugung prophezeit: „Keine Million Schattenmännlein werden seine Sonne in die Tiefe zwingen!“
Nicht aus dem Munde eines dieser beiden Großen floß das Sprichwort „Wer nicht Gott ist, wird Gott nie begreifen!“, es stammt von Flaischlen; aber eint es nicht die Schwärmer Zarathustra und Peer Gynt und den erdfesteren Optimisten Jost Seyfried? Es scheint mir so. doch hat Flaischlen nicht etwa den Glauben an ein Gottesgnadentum des Genies. „Man kann eben doch nichts! Nicht mehr wenigstens, als andere auch … und vor allem nicht so viel, als man möchte!“ Aber werde ein Mensch und du wirst ein Künstler, „Genie ist Wollen!“ Aber „Ein jeglich Ding braucht seine Zeit, zu werden und, wo sich niemand je die Arbeit machte, vorzusorgen, wo niemand säte, wird auch niemand ernten!“ Doch merke dir: „Zum letzten Gipfel trägt nur eigene Mühe!“
In diesem Zusammenhange darf auch des Dichters Ausspruch „Kunst sei Leben, nicht Kunst!“ zitiert werden. Der paradoxe Aphorismus macht eine Auslegung notwendig. Heute sind die weitaus meisten Künstler nur Techniker, aber „Technik allein war nie Kunst! weder so, noch so! Technik ist kein Ziel! Technik ist etwas: das man können muß! und … das dazu gehört! es mag noch so schwer sein.“ Er deutet den Begriff „Kunst“ dann wieder als Philosoph: alle große Kunst sei immer naturalistisch (er hätte richtiger das Wort realistisch gebrauchen sollen), doch gleichzeitig symbolisch (alle großen Werke der Weltliteratur sind realistisch und zugleich symbolisch), denn „Kunst soll sein, was das Leben (also der Naturalismus) nicht sein kann! Sie soll gut machen, was die Menschen an sich versündigen!“ (Natürlich die Kunst als solche, nicht irgendeine moralisch oder sonstwie gerichtete Tendenz, die unkünstlerisch wirkt). Daraus läßt sich folgern: der Künstler muß ein aufrechter Mensch sein, der wie Faust, sich strebend bemüht, das Höchste zu erreichen. In diesem Sinne stellt Flaischlen folgendes Gesetz für das gegenseitig bedingte Verhältnis von Kunst und Künstler auf: „Bloßes Können bleibt Handwerk, wenn der überragende Mensch dahinter fehlt! und verfällt! Bleibendes erzwingt nur der Charakter! und nur der höhere Mensch schafft Höheres!“ Die Kunst ist unser Herz; ewig ist sie, wenn sie aus Überlegenheit und Liebe, nicht aus wissenschaftlicher Erkenntnis, herausgeboren wird. Die Wissenschaft ist unser Kopf, mit dem allein Kunst nicht erfaßt und erlebt werden kann. Flaischlen will uns durch Kunst die Erde lieb machen — Kunst soll Leben sein und Leben zeugen. Es sollen höhere Lebenswerte in schöner Form geschaffen werden — von einem höheren, d.h. sittlich starken Menschen; so wird Kunst geboren.
Das für eine kurze literarische Würdigung in betracht kommende Werk Flaischlens ist eine Sinfonie, in der ein Motiv immer in Variationen wiederkehrt, das der Weltfreude. Sie im Leser zu erwecken, ist das Hauptverdienst des „Jost Seyfried“; die in dem problemreichen Lebensroman vertretenen, hier angedeuteten Kunstanschauungen sind vielfach bekämpft worden, doch eins ist sicher: sie schmälern nicht den reichen Gewinn, den jeder Leser, sei er Literaturfreund oder Schriftsteller, wird buchen können.
Auch Cäsar Flaischlen hat als Dichter um Anerkennung schwer ringen müssen. Erschüttert liest man sein tragikomisches Geständnis: „Mit den ‚Sprüchen eines Steinklopfers‘ sind es nun gerade zwölf Bücher, die in den fünfzehn Jahren von mir gedruckt wurden, und eingebracht haben sie mir brutto gleich brutto: drei Mark! und auch das ist wahrscheinlich bloß ein Versehen!“* Glücklicherweise hat sich dann aber das Blatt gewendet, seine Bücher erreichten Auflagen bis zu 200.000 Exemplaren, und seine schlichten und schönen Lieder, von denen zahlreiche in Musik gesetzt wurden, sind tief ins Volk gedrungen und ihm unverlierbares Gut geworden. Gibt es überhaupt einen Deutschen, der nicht Flaischlens auf Millionen Postkarten gedrucktes und als Wandschmuck gerahmtes Gedicht „Hab Sonne..“ besitzt oder in einem Schaufenster gelesen hat? Und die Frauen, von denen er im Geiste Schopenhauers sagt: „Sie haben keine perspektive Energie!“, gerade sie verehren den liebenswürdigen und aufrichtigen Dichter, wie kaum einen zweiten, weil seine lebensbejahende, dabei so überaus zarte Lyrik nicht nur dem ganzen Wesen der Frau entspricht, sondern ihr auch das gibt, was er ihr eben abspricht: perspektive Energie!“ [Weitere Nachrufe]

*Ergänzender Link: Finanzierung des Kulturstaats in Preußen seit 1800