Nachrufe


nachrufCäsar Flaischlen zum Gedächtnis
gesprochen an seinem Grabe vom Künzelsauer Stadtpfarrer Geißer, an Silvester 1920
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Aus: Reclams Universum — Weltrundschau
1920, Nr. 41, Heft 5

Der Dichter von „Alltag und Sonne“
Ein Gedenkwort für Cäsar Flaischlen.

Von Cornelia Kopp

Was uns not tut, ist eine Kunst mit den Zielen der Kunst Goethes und der Kunst Schillers, die Kunst einer bestimmten, festen Weltanschauung…
Es gilt für das Leben zu schaffen, nicht für technische Seiltänzereien. Freilich ohne darin steckenzubleiben. Aus ihm heraus und darüber hinaus — sowohl über Grau als über Blau. Wir brauchen eine Kunst, die lebbar ist, die mit hilft, aus dem Kampf, in dem wir alle liegen, hinauszufinden und die uns vorbildlich vorangeht.“ So schrieb Cäsar Flaischlen im Jahre 1899 im Vorwort zu seinen „Lehr- und Wanderjahren des Lebens“. Schrieb es zu einer Zeit, da der Kampf der Meinungen um Naturalismus und Sybolismus hin und her wogte. Er hätte es heute, da er unvermutet und still aus dem Leben gegangen ist, als Abschiedswort denen zurufen können, die im Strudel einer wirren und gärenden Zeit den wild gewordenen Pegasus auspeitschen und aufstacheln und — ach, so selten zu zügeln wissen. Sie sind längst über Cäsar Flaischlen hinweggerast, haben versucht, ihn zu den Alten, Abgetanen zu werfen, sehen kaum mit ein wenig gnädigem Geltenlassen und Ironie auf ihn zurück und nehmen die Kreise derer, für die er einen Wert bedeutet, nicht für voll. Und doch: „Wir brauchen eine Kunst, die lebbar ist.“ Wahrlich, auch uns täte sie not, und mancher unserer Schaffenden täte gut daran, ein wenig zu lernen an der tiefen Ernsthaftigkeit, mit der dieser Schwabe seinen Dichterberuf auffaßte. Zugegeben: Cäsar Flaischlen zählt nicht zu den ganz Großen. Kein Dämon jagte ihn durch Abgründe und peitschte ihn zu schwindelnden Höhen. Wir können ihm überallhin folgen auf den Wegen, die seine Kunst uns weist. In seine trüben Stunden, wenn die schwere Müdigkeit des Alltags ihn gefangen hält, wenn innere Kämpfe den Grübler ruhelos machen, und in die frohen, hellen, wenn er mit starkem, gläubigem Herzen Sonne und Sieg erzwingt. Und er wird nicht müde, uns die hellen Wege zu weisen: „Gesang und Geigen — Tanz und Spiel … Freude fehlt! Wir nörgeln zuviel! Wir werden zu weise — wir werden zu schwer! Wir lachen zu wenig! Wer weise ist Bettler — wer lachen kann König.“ Wenn das Lachen aus einer innerlich frei gewordenen Seele kommt, nämlich aus einem Herzen, das sich aus Zweifeln und Nöten trotzig zu sich selbst durchgerungen hat: „Es gibt kein Schicksal! Verlust und Gewinn ist nur, was ich selber will und bin.“ So spricht ein ganzer Mann, ein Aufrechter, und das ist Cäsar Flaischlen gewesen als Mensch und als Dichter. Treu und hilfsbereit als Freund, streitbar und hartnäckig, wo es galt, seine Meinung zu verteidigen, zart und fein empfindend als Liebender, gütig als Mitmensch allen vom Alltag Bedrängten, deren Not sein warmfühlendes Herz empfand. Er war so recht der Dichter nicht der philisterhaften Bürgerlichkeit, aber des Mittelstandes, jenes geistig tüchtigen, regsamen Mittelstandes, wie wir ihn vor dem Kriege hatten, jener Menschen, die, in die Enge hinein geboren kraftvoll herausstrebten nach Schönheit, Freude, nach einem höheren, besseren Leben, und die damals zu Trägern einer jetzt leider vernichteten, in Sorge und Kümmerlichkeit erstickten Kultur berufen schienen. Mit Jubel ist er von ihnen begrüßt, gefeiert, verehrt worden, und für Tausende hat seine feine, herzhafte Kunst Erfrischung und Wegleuchte bedeutet. Einige haben auch mehr von ihm erwartet. Eine Entwicklung in Weite, Größe. Sie allerdings sind enttäuscht worden. „Höhen entlang“ nennt er einen Abschnitt in seinen „Lehr- und Wanderjahren“ — „Ziel entgegen“ den letzten. Aber er ist höhenentlang geschritten nicht etwa den steilen Gebirgsgrat, sondern die freundliche Hochebene, die nach mühevollem Aufstieg schönen Ausblick und Aufblick gewährt, und das Ziel war wie ein Rasthaus zum Einkehren, Schaffen und froh und sicher Verweilen — schön und reich —, aber nicht die letzte Einsamkeit höchster Gipfel, nicht das Unerreichbare. So hat sich der Kreis seiner Schöpfungen früh gerundet und geschlossen, und sein Wesentlichstes, sein inneres Werden tritt in seinen Dichtungen klar und offen zutage. Schon 1883, als Neunzehnjähriger — er war am 12. Mai 1864 in Stuttgart geboren —, hatte er, da er als junger Buchhändler eine Stellung in Brüssel antrat, sein erstes Manuskript in der Tasche. Es war die Gedichtsammlung „Nachtschatten“, melancholische, noch ein wenig epigonenhaft anmutende Gedichte, die im Laufe eines Jahres noch ergänzt wurden und dann in Druck gingen. Auch ein Drama „Graf Lothar“ entstand gleichzeitig. Die Brüsseler Zeit wurde für ihn in mehr als einer Hinsicht bedeutend, erschloß sich ihm doch dort das Leben der Großstadt in seiner ganzen Mannigfaltigkeit. Zu dem folgenden Jahre, das er in Bern verbrachte, begann der stille Kampf zwischen Wissenschaft und Dichtkunst, der sein ganzes Leben hindurch währte. Zunächst siegte die Wissenschaft. Er beschloß zu studieren und ging nach Berlin, wo er sich das Treiben der damaligen Jüngsten zunächst bescheiden als Zuschauer betrachtete. Heidelberg war das nächste Ziel. Dort entstanden allerhand fröhliche Singlieder, die wir in den „Lehr- und Wanderjahren“ finden. In Freiburg und Zürich wurden die Studien abgeschlossen. 1889 errang Flaischlen den Doktorhut. 1890 kehrte er nach Berlin zurück, wo er unter Kämpfen Fuß zu fassen suchte. Und jetzt fand er wieder zur Poesie zurück. Die Sammlung Dialektgedichte „Vom Haselnußroi“ entstand und erschien 1892. Die Jahre von 1890 bis 1896 zählten übrigens zu den entscheidendsten in Flaischlens Leben. Sie waren reich an inneren Kämpfen, sowohl zwischen wissenschaftlichen und dichterischen Neigungen als auch an solchen um die Festigung seiner schöpferischen Eigenart. In den Dramen „Toni Stürmer“, besonders aber in „Martin Lehnhardt“ spiegeln sich diese Kämpfe, spiegelt sich das Ringen um die Welt und Lebensanschauung wider. Die Charakterstudie „Hardtmut“ behandelt das Problem des Berufes, die darauf folgende Erzählung „Flügelmüde“ ist vielleicht Flaischlens persönlichste Dichtung. Ale Fehlschläge der Berliner Kampfjahre, alle innerliche Müdigkeit und Zerissenheit fand in dieser Arbeit, die als eine Vorstudie zu „Jost Seyfried“ erscheint, ihren Ausdruck. Endlich im Jahre 1895 kam der ersehnte Aufschwung. Flaischlen wurde zur Redaktion des „Pan“ berufen, und in den fünf Jahren, während deren er als Leiter dieser Zeitschrift in ernster Arbeit mitten im modernen Kunstleben stand, reifte er künstlerisch zu der selbstständigen eigenartigen Persönlichkeit aus, die dann weiten Kreisen wert und lieb geworden ist. Nun sammelte er in den „Lehr- und Wanderjahren des Lebens“ die Gedichte aus den letzten sieben Jahren, jene Skizzen Sprüche und Tagebuchblätter, die uns sein innerlichstes Werden enthüllten, gab in „Alltag und Sonne“ jene seiner Gedichte in Prosa, deren kunstvolle melodische Rhythmik von eigenartigem Reiz ist. Bis schließlich alle Ströme tiefsten Erlebens sich in ein Prosawerk ergießen: „Jost Seyfried“. Diese Dichtung, die so gar nichts mit einem Roman gemeinsam hat, ist, wie alle Werke Flaischlens, teilweise von der Kritik scharf angegriffen worden. Aber Tausenden ist dieses Bekenntnisbuch, das wie ein Symbol erscheint für den Leidensweg jedes geistig ringenden Menschen, zum Lebensbuch geworden. Klingt es doch aus in jene jubelnde Befreiungtsstimmung, die der Dichter sich tausendmal aus verzagten Stunden neu erkämpfte, in jene Bejahung der Freuden und auch aller Schmerzen des Lebens, die allein Kraft zu verleihen vermag. Als letzte Gabe an eine inzwischen recht zahlreich gewordene Gemeinde erschienen 1909 noch die Gedichte „Zwischenklänge“, damals nur als Vorspiel zu künftigen Taten betrachtet. Aber das erwartete größere Werk blieb aus. Denn mancherlei Hemmungen auch körperlicher Art, zum Teil von den schweren Jahren des Kampfes um die späte Anerkennung verursacht, verlangsamten das Zeitmaß des Schaffens. Im kommenden Jahr erst wollte er seiner treuen Gemeinde zwei neue Werke bescheren, ausgereifte Früchte aus einer langen Spanne seines Lebens. Sie werden nun ein Vermächtnis des Heimgegangenen sein. Jäh ist der Mund verstummt, der so viel frohe und ernste, so viel gütige und tröstende Worte uns ins Herz sang, der seine Kunst gelebt hat, wie er es von dem echten Dichter forderte, und der deshalb allen Nörglern zum Trotz etwas gewesen ist, um den ihn mancher Genialischere beneiden könnte: ein Ganzer.

 

Siehe auch: Aus: NORD UND SÜD. Eine deutsche Monatsschrift, herausgegeben von Ludwig Stein., Juli 1920 – S. 79
Adolf Armin Kochmann (*08.12.1890, †05.05.1952), Berlin:
Cäsar Flaischlen