Clara Viebig


* 17. Juli 1860 in Trier, † 31. Juli 1952 in West-Berlin

 

Aus: „Ernst Viebig — Die unvollendete Symphonie meines Lebens, Einer berühmten Mutter jüdischer Sohn erinnert sich“, Christel Aretz / Peter Kämmereit (Hrsg.), mit freundlicher Genehmigung von Susanne Bial, Rhein Mosel Verlag, 2012, Seite 17

…“Meine Kindheit war bevölkert von den großen Namen jener Zeit, in der die „Junge Freie Volksbühne“ die führende Avantgarde der Literatur und des Theaters war: Gerhard Hauptmann, Herbert Eulenberg, Cäsar Flaischlen, Georg von Ompteda (der große Maupassant-Übersetzer), Fedor von Zobeltitz, Max Osborn, Richard Huch, Börries von Münchhausen, Ina Seidel, Georg Hermann, Heinrich Zille und noch viele andere waren der Freundeskreis meiner Eltern. Das Haus meiner Eltern war eines der am meisten der Literatur verhafteten in Berlin, zumal meine Mutter damals zu den ganz großen Hoffnungen und Erfüllungen der deutschen Roman-Literatur gehörte“…

 

Clara Viebig by Nicola Perscheid 1890
Aus: Carola Stern mit Ingke Brodersen „Kommen Sie, Cohn. Friedrich Cohn und Clara Viebig“, Kiepenheuer &Witsch, 2006, Seite 87ff

…“Cäsar Flaischlen dagegen, auch er einer der Bestseller-Autoren von Cohns Verlag, wird zu unserer Zeit kaum noch gelesen; im 21. Jahrhundert sind die Poesiealben, die sich mit seinem Namen verknüpfen, aus der Mode gekommen. Aber wenn heute Enkelinnen ihre Großmütter danach fragen, was es denn mit diesen Alben auf sich habe, so wird manche alte Dame ein über die Zeiten hinweg aufbewahrtes, fein gebundenes, meist quadratisches Büchlein aus der Schublade kramen, auf jeder Seite in Schönschrift einen Glückwunsch oder eine gereimte Lebensweisheit lesen, die Freundinnen oder Anverwandte hineingeschrieben haben. Und selbst noch in der Nazizeit gab es kaum ein solches Heft, in dem nicht ein ganz bestimmtes Gedich des Autors Cäsar Flaischlen in drei Strophen oder auch nur in den acht Anfangszeilen der Besitzerin des Albums zugeeignet worden war: „Hab Sonne im Herzen…“. Dass der Autor dieser Zeilen Jude war, wer wusste das schon! [??? Anmerkung: Quelle hierzu unbekannt; Flaischlen stammt aus einem evangelischen Elternhaus]
Flaischlen schreibt Spruchblätter, Lieder, Romane, auch ein Schauspiel, doch seine Gedichte sind am erfolgreichsten. Besonders nach dem ersten Weltkrieg, als das Bedürfnis nach Rückzug und ‚innerer Einkehr‘ groß ist, kann seine bekannteste Lyriksammlung „Von Alltag und Sonne“ gigantische Verkaufserfolge feiern.
In poetischer Ausdruckskraft übertreffen ihn andere Autoren seiner Zeit, etwa Rudolf Alexander Schröder oder Hermann Sudermann, aber Flaischlens Auflagenhöhen, die in die Hunderttausende gehen, erreicht keiner. Seine ’schlichte Weisheit‘, so die Kritiker, tut den Menschen in der ‚tollen Hast und Unruhe‘ ihrer Tage gut, löst und spült hinweg, ‚was der Tag an Verdruß und Ärger brachte‘. Also geduldig sein? Gelassen? Gottergeben? Dem wiederspricht schon der junge Schriftsteller Frank Thiess, der selbst als Soldat im ersten Weltkrieg gewesen ist. Flaischlen, so schreibt er, rufe auch dazu auf, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, zu wollen und nicht aufzugeben.
Cohn kennt den erfolgreichen Lebenshelfer bereits aus jenen Jahren, in denen Flaischlen Redakteur der elitären Kunstzeitschrift Pan gewesen ist, die damals bei Fontane erschien. Seit dieser Zeit ist er mit ihm befreundet. In seinen Briefen nennt er ihn ‚Lieber Cäsar‘ und unterschreibt mit ‚Ihr Fritz‘. Häufig laden sich die Familien gegenseitig zum Essen ein. 1920, vor dem frühen Tod des gleichaltrigen Freundes, bietet der Verleger alle erdenkliche Hilfe für den krank in einem Sanatorium Liegenden an, der von einer Vortragsreise gesundheitlich schwer angeschlagen zurückgekommen ist. Fritz und auch Clara lieben diesen knorrigen und zugleich so weichen Menschen, ‚gütig und besorgt, treu auch in den kleinsten Dingen‘.
Nach Erscheinen seiner beiden Erfolgsromane hat Flaischlen intensiv an einer ‚Bibel der deutschen Dichtung‘ gearbeitet, an einem umfangreichen literarischen Sammelwerk, versehen mit Einleitungen zu den aufgenommenen Werkenm, Textvergleichen, Quellennachweisen. Als der Autor das Ende seiner Riesenarbeit absehen konnte, brach der Weltkrieg aus. Viele Soldaten in den Schützengräben und auch in der Gefangenschaft sahen in der Lebensbejahung dieses ‚idealistischen Predigers‘, so hat ihn Theodor Heuss genannt, ‚ein Stück seelischer Rettung‘.Alban Berg vertonte schon 1906 eines der Gedichte Flaischlens:
So regnet es sich langsam ein
und immer kürzer wird der Tag
und immer seltener der Sonnenschein
Ich sah am Waldrand ein paar Rosen stehen (…)
Gib mir die Hand und komm (…)
Wir wollen sie pflücken gehen
Es werden wohl die letzten sein‘ …“

 

Buchtipps:
„Ernst Viebig — Die unvollendete Symphonie meines Lebens, Einer berühmten Mutter jüdischer Sohn erinnert sich“, Christel Aretz / Peter Kämmereit (Hrsg.), mit freundlicher Genehmigung von Susanne Bial, Rhein Mosel Verlag, 2012
Carola Stern mit Ingke Brodersen „Kommen Sie, Cohn. Friedrich Cohn und Clara Viebig“, Kiepenheuer &Witsch, 2006
„Clara Viebig, Mein Leben, 1860 — 1952, Autobiographische Skizzen“, herausgegeben von Christel Aretz, Mosel Eifel Verlag Hontheim, 2002

Links:
Clara Viebig (Wikipedia)
Kurzbiografie in FemBio
Clara Viebig Gesellschaft
Clara Viebig Zentrum
Rudolf Steiner, Clara Viebig: „Das Weiberdorf“