Erich Mühsam


6. April 1878 in Berlin, 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg

Bundesarchiv Bild 146-1981-003-08, Erich Mühsam

Bundesarchiv Bild 146-1981-003-08, Erich Mühsam

Aus: „Erich Mühsam, Namen und Menschen, Unpolitische Erinnerungen“, Verlag Klaus Guhl, Berlin, 1977, Seite 38ff

„… Die ersten Veranstaltungen der Neuen Gemeinschaft, an denen ich teilgenommen hatte, führten sofort Bekanntschaften herbei.
Julius Hart, ewig in seligster Seid-umschlungen-Stimmung, schwelgend in der Lust seiner All-Einheits-Erkenntnisse und im Glück, den Gästen die von Fidus [Hugo Höppener] und dem Bildhauer Metzner geschmückten Räume der Uhlandstraßenwohnung vorführen zu können, wo nun alle Gegensätze praktisch überwunden werden sollten, küßte Männer und Frauen, duzte jeden, der sich mit ihm freute und verbat sich das Sie, und der Bruder strahlt neben ihm, etwas gehaltener, mit einem kleinen Stich Selbstironie, aber ebenso voll innerer Festlichkeit, voll strömender Gastgeberfreude. Das Brüderpaar — die fröhlichste Kreuzung von Weinwirten und Religionsstiftern.
… Namen und Menschen! Alles, was Namen hatte, ging damals gelegentlich oder regelmäßig zur Tür der Neuen Gemeinschaftswohnung hinein und wieder hinaus, und ich gewöhnte mich, nie mehr Namen, immer nur Menschen zu sehen. Da kamen Dichter und Schriftsteller, wie Cäsar Flaischlen, John Henry Mackay, Bruno Wille, Wilhelm Bölsche, Karl Henckell, Wilhelm Hegeler, Max Kretzer; Maler und Bildhauer wie Franz Metzner, Max und Oskar Kruse, Oskar Zwintscher und viele andere; Bühnenkünstler wie Kayßler, Reinhardt, Gertrud Eysoldt, Irene Trisch. Einmal erschien auch Ernst Häckel als Gast, und in besonders deutlicher Erinnerung ist mir ein Vormittag, als ich, mit einer blauen Schürze bekleidet, den Boden fegte und es zu so ungewohnter Zeit klingelte. Ich öffnete, da stand vor mir Bernhard Kampffmeyer, der Begründer der deutschen Gartenstadtgesellschaft und neben ihm ein alter freundlicher Herr: Elisée Reclus, der große französische Gelehrte und Revolutionär und fragte mich aus, aber was wir besprachen — ich war nämlich schon aufmerksamer Schüler Landauers —, das gehört wieder nicht hierher. Nur soviel darf ich hier noch sagen, daß ich mich zeitlebens freuen werden, diesen großen Menschen nicht bloß als Namen verehren zu müssen. …“

 

Aus: „Tagebücher“, Niederschönenfeld, Freitag, d. 29. Oktober 1920

„…Dagegen muß ein andrer Toter registriert werden, Cäsar Flaischlen, der im Alter von einigen 50 Jahren gestorben ist. Wieder einer von der Generation des „Jüngsten Deutschlands“, des angeblichen Naturalismus, worin soviel verschiedenartige Richtungen Platz hatten (wenn nur die persönliche Freundschaft da war), daß man auch diesen süßlichen Idylliker unter sich duldete. Gewiß – ein ganz feines, stilles Gemüt; aber garnichts original Wesenhaftes im Talent. Ich kannte ihn flüchtig aus der Neuen Gemeinschaft…“

 

Erich Mühsam, Stolperstein, Foto Wikimedia Commons

Erich Mühsam, Stolperstein, Foto Wikimedia Commons

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