Hermann Uhde-Bernays


* 31. Oktober 1873 in Weimar; † 7. Juni 1965 in Starnberg

 

Aus: Im Lichte der Freiheit. Erinnerungen aus den Jahren 1880 bis 1914. Hermann Uhde-Bernays, München 1947, S. 191ff.
(Der Autor studierte im Wintersemester 1898/1899 in Berlin und lernte Flaischlen als Pan-Redakteur kennen.)

„Auf Bierbaum und Meier-Graefe folgte der zu oranisatorischen Aufgaben gänzlich ungeeignete Cäsar Flaischlen als verantwortlicher Redakteuer, der zwischen Böcklin, Klinger und Stuck zur Rechten, van de Velde und den französischen Impressionisten behutsam durchsteuerte. Im literarischen Betrieb von Berlin war der schwäbische Dichter vollends ein verlorener Einsiedler. Daher ging er selten vor seine Tür. Auch innerhalb seiner Behausung war er schwer zugänglich. Sein Heim lag am unteren Ende des Karlsbades, in jener schmalen, nicht großstädtischen Straße, die hinter der Brücke von der Potsdamer Straße abzweigt. Dort hatte sich F. mit seinen Vogelbauern, in denen Dompfaffen, Kanarienvögel und Stare zwitscherten, in einem oberen Stockwerk, wohin die Sonne kam und wo er über die Dächer zum Tiergarten hinüberschauen konnte, friedlich eingenistet. Seine weltfremden verträumten Reimereien hatten ihm eine ansehnliche Zahl von Verehrern verschafft, deren Anerkennung er ohne Dünkel empfing. Der Mensch war unzertrennlich von dem Dichter, sogar in einer komischen Übereinstimmung. Was ich in den Sammlungen „Von Alltag und Sonne“ und „Aus den Lehr- und Wanderjahren des Lebens“ gelesen und als idealistische Überspanntheit angesehen hatte, erschien mir ehrlich und persönlich, als ich ihm in seinem Arbeitszimmer gegenüberstand. Linkisch, verlegen, überbescheiden hieß er mich auf seinen altväterischen Sofa Platz nehmen, räumte Bücher zur Seite, mit einer kindlichen Grazie, die ihm wohl anstand, und neigte den Kopf, um zuzuhören. Die Augen bestimmten das bärtige Gesicht, warm und herzlich, auch die herben Enttäuschungen nicht verhehlend, die das weiche Gemüt dieses Sängers zum Mandolinchen erduldet hatte. Seine Wohnung war in der Tat eine Oase in der Großstadt, und der schwäbische Dialekt betonte die Distanz. Obwohl wir uns nie mehr sahen, entstand auf Grund dieses Besuchs ein zwar nicht reger, aber doch zwanzig Jahre andauernder brieflicher Verkehr, und in meinen Alltag kam stets etwas Sonne, wenn sich unter der Post ein Umschlag mit den preziösen gotischen Schriftzügen des Dichters befand. Zum neuen Jahr versäumte er niemals, mir seine glückwünschenden Sprüchlein auf besonderes Papier für Freunde gedruckt zu übersenden.
Paul Hoeniger Cafe Josty
Nachmittags saß Flaischlen mit Vorliebe im Café Josty am Potsdamer Platz, meist allein, mit Zeitungen beschäftigt…“

(Mit herzlichem Dank für den Hinweis auf dieses „Lesefrüchtchen“ von Peter Koppenhöfer.)

 

 

 

Link: Hermann Uhde-Bernays (Wikipedia)