Johannes Mumbauer


Johannes Mumbauer [Bild: Trierer Porträtdatenbank]

Johannes Mumbauer [Bild: Trierer Porträtdatenbank]

Aus: Johannes Mumbauer*, Die deutsche Dichtung der neuesten Zeit, Erster Band, Herder & Co. GmbH Verlagsbuchhandlung Freiburg, Seite 533 ff

 

Die Beseelung des Impressionismus

 

Die Eindruckskunst ist ihrem Wesen nach im Flüchtigen, Vergänglichen, Augenblicklichen, Sinnenhaften und darum Relativen befangen: sie hat berückende Sensationen, sie hat die feinsten bestechenden Reize, sie hat eine erstaunliche Fülle von Geist – aber ihr fehlt in der reinen Darstellung ihres Begriffes die Seele, wenn man unter Seelischem das Verhältnis zum Absoluten, zu den metaphysischen Hintergründen des Seins versteht (man kann natürlich „Seele“ sowohl im psychologischen Sinne wie im theologischen Sinne auch anders fassen, hier ist ganz allgemein die Beziehung der Sinneneindrücke zum Unsichtbaren, zum Überlogischen, zum „Trans“ gemeint, kurz zu den letzten Gründen). Ansätze des Dranges nach Beseelung begegnen schon bei einzelnen der bisher behandelten Dichter, sind aber, wie besonders deutlich bei Stefan Zweig zu bemerken ist, nicht recht zur Entfaltung gekommen; aber nun gibt es keine Halten mehr auf diesem Wege, und die Richtung ins Seelische hinein wird so bestimmend, daß sich keiner der folgenden Künstler dieser Strömung mehr entziehen kann.

 
Ein früher Vorläufer dieser Gruppe ist der Schwabe Cäsar Flaischlen (geb. 12. Mai 1864, gest. 16. Oktober 1920), der von vielen zu den Naturalisten gezählt wird, aber mit Unrecht. Selbstverständlich ist er, entsprechend der Epoche, in die er hineingeboren war, vom Naturalismus ausgegangen, und seine ersten Bücher, die Gedichte „Nachtschatten“ (1884), das Drama „Graf Lothar“ (1886), auch sein erster Roman „Toni Stürmer“ (1891) tragen deutlich die Spuren davon an sich; und ungefähr zur selben Zeit, wo Arno Holz seine Revolution der Lyrik verkündigte, brachte Flaischlen einen Gedichtband „Von Alltag und Sonne“ (1898) heraus, den er „Gedichte in Prosa“ nannte, und der in etwa den Spuren der „Grashalme“ Walt Whitmans  folgte: es ist in der Mehrzahl Lyrik ohne Reim und schematisches Metrum, in freien Rhythmen, aber ohne Reim und Melodie völlig auszuschließen. Jedenfalls ist Flaischlen hier im Technischen ganz unabhängig von Holz und dessen „konsequenter“ naturalistischer Lyrik, die im Grunde reine Prosa ist; Flaischlen geht es schließlich gar nicht um ein Formproblem oder ein Prinzip, er will nur die Freiheit haben, das, was er fühlt, ungehemmt und möglichst natürlich, besonders hinsichtlich des Rhythmischen auszudrücken. Vor allem aber will er sich unter keinen Umständen dazu verstehen, das Reflektierte, das Gedankliche auszuschließen; seine Gedichte strotzen vielmehr von Ethik und durchstoßen damit die Grenzen des Impressionismus, ragen irgendwie ins „Beseelte“ hinein. Freilich ist seine Art zwar männlich, hie und da auch unbekümmert burschikos, aber auch wieder echt schwäbisch hausbacken, nie überschäumend an Geist und Originalität; er kann sentimental und wehmütig werden, aber im allgemeinen bleibt er beim geruhigen Leben, preist die Schönheit des Diesseits und die Wunder und das Glück des Alltags. Die Form Flaischlens ist so ein getreues Spiegelbild seiner zwiespältigen Natur, in der heller, heiterer Rationalismus und pantheistisch naturseliges Empfinden miteinander ringen. Eigentlich ganz Vollendetes hat er denn auch nicht hervorgebracht. Wie dem auch sein mag, schon mit seinen Dialektgedichten „Vom Haselnußroi, e Zopfete Bloemen ond Nüß“ (1892) hat er sich vom Naturalismus bewußt abgewandt und seine impressionistische Manier, die sich im Ausmalen der Landschafts- und Menscheneindrücke kleinster und feinster Art, der Farben- und Lichtwelt nicht genug tun kann, so beseelt, daß man von einer „Wiedergewinnung des alten romantischen Natur- und Weltgefühls“ (H. Naumann) reden kann. – Ein paar Proben der nicht eben „folgerichtigen“ lyrischen Art Flaischlens:

 

Einem Kinde.

 

Sei nicht traurig,
sei nicht traurig …
es ist heute nur
so trübe,
es ist heute nur
so schwer!
Morgen blitzt die Sonne wieder,
Rosen leuchten weiß und rot,
und mit lauter Lerchenliedern,
jubelt’s in den blauen Himmel
siegreich über Leid und Not …
quillt und schwillt mit jungen Kräften,
quillt und schwillt mit junger Lust
lebenswarm dir in die Brust;
weckt und wappnet deine Seele
glaubensfroh zu neuer Wehr …
Sei nicht zag drum,
sei nicht traurig …
es ist heute nur so trübe,
es ist heute nur so schwer!

 
Steigende Abendwolken … blei-grau-blau-schwer
… wie ferne Alpen sich auftürmend …
die sinkende Sonne dahinter, die Ränder mit blendendem Gold umkantend …
auf der Hügelhöhe mitten im glühenden Feuer des Abendrots eine Mühle
langsam die Flügel drehend,
als schaufle sie der Sonne rinnend Gold in ihre Tenne.

 
So regnet es sich langsam ein und immer kürzer wird der Tag und immer seltener der Sonnenschein.
Ich sah am Waldrand gestern ein paar Rosen stehn …
gib mir die Hand und komm …
wir wollen sie uns pflücken gehen …
Es werden wohl die letzten sein!

 
Ich will in die Sonne sehn, wenn ich sterbe,
wie sie in brennender Wolke verloht …
Ich will mit der Sonne gehen, wenn ich sterbe,
in sommerflammendem Abendrot.

 

Die Fenster auf! Dort drüben ist meine
Heimat und nicht in eurer Nacht und Not!
Ich will in die Sonne sehn, wenn ich sterbe,
Und sinken gleich ihr in strahlendem Tod.

 

Flaischlens lyrisches Werk nach „Von Alltag und Sonne“ liegt vor in den Bänden „Aus den Lehr- und Wanderjahren des Lebens“ (1899), „Sprüche eine Steinklopfers“ (1905), „Lieder eines Schwertschmiedes“ (1905), „Tor auf!“ (1905), „Neujahrsbuch“ (1908) mit Spruchgedichten, „Zwischenklänge“ (1909), der Kriegsgedichte „Kopf-oben-auf!“ (1915) und aus dem Nachlaß „Mandolinchen, Leierkastenmann und Kuckuck“ (1921), „Ein Liederbuch von Sehnsucht und Erfüllung“ genannt. Er selber gab eine Auswahl seiner Gedichte als „Heimat und Welt“ (1915) heraus; „Gesammelte Dichtungen“ erschienen 1921, posthum wurden die Dichtungen in schwäbischer Mundart „Von derheim ond drauße“ (1924) herausgegeben.

 

Was an Flaischlens Lyrik zu bemerken war, das findet sich als Grundzug auch in seinen dramatischen und epischen Werken: das Herz siegt schließlich über den Kopf, die Persönlichkeiten über die Regel, der Künstler über die Kunst. Die beiden Dramen „Toni Stürmer“ und „Martin Lehnhardt“ bilden mit dem Roman „Jost Seyfried“ eine thematisch zusammenhängende Dreiheit, der der Verfasser, der ursprünglich auch den Roman als Drama konzipiert hatte, den Gesamttitel „zwischen Charfreitag und Ostern – Die Not unserer Jugend“ zugedacht hatte, weil er zeigen wollte, wie die Generation der Neuzeit in wirre Problematik hineingeworfen werde, aus der sie sich zu natürlicher Menschlichkeit läutern und befreien müsse. Das Drama „Toni Stürmer“ (1891) dreht sich um die Problematik der Sexualität, der Liebe in ihren verschiedenen Formen, und antwortet mit der trostlosen Feststellung, daß Liebe immer im Schlamm ende; es gärt in diesem Stück noch ungebärdig wild nach naturalistischer Manier, die alles in Frage stellt.

 

Das Drama „Martin Lehnhardt. Ein Kampf um Gott“ (1895) behandelt die religiöse Frage: da ist ein junger Theologe, Abkömmling einer langen Generation schwäbischer Pfarrer, der aus der Enge der Heimat in die große Welt hinausgeworfen wird, wo er im Sumpf der Großstadt zu versinken droht, sich durch die ideale Liebe zu einer älteren Frau wiederfindet und sich emporringt zu der (ganz unprotestantischen) Erkenntnis, daß der Mensch nicht alle Verantwortung auf Gott schieben dürfe, sondern sie selbst als Herr und König der Welt übernehmen müsse; diese Auseinandersetzung um die Gottesfrage spielt sich ab im Wortstreit zwischen dem Jungen und seinem Onkel, einem engherzigen, aller Problematik verständnislos gegenüberstehenden, kirchenstrengen Pfarrer – natürlich läßt der Dichter den freigesinnten, auf bloßes Menschentum eingestellten Jungen siegen, den Vertreter einer Zeit, die fälschlich wähnte, mit dem Sturze alter Normen die Pforten einer neuen Seligkeit aufgetan zu haben.
In dem Roman „Jost Seyfried“ (1905), der, in „Brief und Tagebuchblättern“ abgefaßt, offensichtlich viel Autobiographisches enthält, geht es um die Problematik des Künstlertums. Es ist eine Art persönlichen Bekenntnisbuches mit ausgedehnten Reflexionen, namentlich über die Kunst der damaligen Gegenwart und ihre sich folgenden Richtungen, von der Revolution der „Jüngstdeutschen“ an über den Naturalismus bis zum Symbolismus, die ihm alle als künstlich gemacht unsympathisch sind, und denen er, obwohl er von 1895 bis 1900 Hauptleiter der sehr fortschrittlichen Kunstzeitschrift „Pan“ war, keine Dauer prophezeit: „Und in fünf Jahren wird man von dieser Zeit als von einer Sackgassenperiode reden und den Lärm, den man schlug, und über die Kurzsichtigkeit, mit der man das eigene wirkliche Verdienst durch maßlose Übertreibung um seinen Wert brachte, lache, wie man über Kinder lacht, die ihre Schule für Selbstzweck und Lesen- und Schreibenlernen für eine weltumstürzende Sache halten.“ Ihm geht es nicht um irgend eine Theorie, nur um das Menschliche: „Der Mensch ist die Hauptsache und am Menschen wieder seine Seele, nicht der Kram um ihn herum“; darum „neue Menschen gilt es zu werden! Neue Seelen gilt es zu schaffen, neue Lebenswerte“ Dann findet sich die neue Kunst von selber!“ Kunst und Mensch, Kunst und Leben sind für ihn so zusammengehörig wie Leib und Seele.

 

Cäsar Flaischlein war kein dichterischer Riese und Weltüberwinder, kein Neuschöpfer, aber ein männlich ehrlicher Ringer und wohlwollender Warner in verantwortungsloser Zeit und ein Wegweiser in ein neues Land der Seele. Als gefülltester Ertrag seines Lebens und Dichtens darf vielleicht die wie ein Testament in seinem letzten Liederbuche stehende Mahnung und Bitte gelten:

 

Grüß mir die Heimat, grüß meine Jugend,
erfülle mir du, was sie versäumt,
und bleibe die Sehnsucht, für die sie gelitten,
und werde die Krone, von der sie geträumt!

 

 

*Zu der Kurzvita von Johannes Mumbauer in der Rheinland-Pfälzischen Personendatenbank