Karl Henckell


Henckell.portrait
* 17. April 1864 in Hannover, † 30. Juli 1929 in Lindau am Bodensee

 

Aus: „Die Literatur“, Herausgegeben von Georg Brandes
Deutsche Dichter seit Heinrich Heine. ein Streifzug durch fünfzig Jahre Lyrik von Karl Henckell. Bard, Marquardt & Co, Berlin, 13. Dezember 1906

 

„Dieser Streifzug durch die deutsche lyrische Dichtung des letzten Halbjahrhunderts ist die Erweiterung eines Vortrags, den ich zuerst in der Lesegesellschaft zu Köln vor einem literarischen Publikum und dann im Bürgersaale des Berliner Rathauses vor den Zuhörern der Freien Hochschule hielt. Für den vorliegenden Druck ließ ich die Vortragsform unverändert, um den ursprünglichen Charakter nicht unnötig zu verwischen.
K.H.“

 

Cäsar FlaischlenEin wahrhaft Lebendiger, der unbeirrt von allem blasentreibenden Literaturgeschäume, wie es ja in der Reichshauptstadt alle paar Monate anders „oben auf ist“ und mit der Saison kommt und schwindet, ein Lebendiger, sage ich, der unbeirrt lange Jahre hindurch den stolzen, schweren, oft müde machenden Gang seiner innersten Begabung zurückgelegt hat, um schließlich zu dauerndem Sieg und Segen, zur rechten Ernte des schaffenden Lebens zu gelangen, ist der wetterharte und doch so gemütsweiche Schwabe Cäsar Flaischlen. Er ist ein wahrer dichterischer Oasenmensch innerhalb der Berliner Literatenliteratur, darin es natürlich von spuckenden Lamas und gefleckt langhalsigen Giraffen wimmelt, während Löwen und Adler entschieden ziemlich dünn gesät sind. Vielleicht ist das ja überall so, ich möchte Berlin nicht unrecht tun. Es hat auch seine heiligen Kreuzberge des Genies und einen ganzen Tiergarten von peotischen und protëischen Talenten in jeder Farbe, Größe und Preislage, einzeln und pro Dutzend notiert. Cäsar Flaischlen ist aber mehr als nur ein, wenn auch besonders dichterisches Talent, er ist eine dichterische Persönlichkeit von gediegenem Gehalt und Lebenswert. Diese Verbindung von eigengearteter Dichterschaft und einem hohen Menschentum, das kämpfend seinen reinsten Jugendzielen, der angeborenen Idealität seines Wesens die Treue hält, durch alle Fährnisse und Sirenenlockungen des heutigen literarischen Lebens hindurch, gehört in der Tat zu den Ausnahmeerscheinungen und verleiht den Schöpfungen eines solchen Mannes ein Schwergewicht, wie es weit verblüffenderen, blendenden Begabungen trotz allen Aufsehens, das sie erregen, in letzter Linie versagt bleibt. Cäsar Flaischlen hat gerade das, was ich bei manchem glänzenden Können und poetischen Virtuosen unserer Tage so schmerzlich vermisse: Mark und Kern der Seele. Er gleicht einem knorrigen Baumstamm, der jeden Frühling seine eigenen Blätter wieder hervortreibt, sie grünen, welken und abfallen läßt, der von Wind und Wetter ganz gehörig durchgeschüttelt ist, so daß er manchen Tag schon müde, die Krone neigte und die Zweige bedenklich niedersenkte, der sich aber stets von neuem trutzig emporrichtet und dauernd Ring um Ring ansetzt. Ein derartiger Dichterstamm wächst nicht nur in die eigenen Wurzeln und Wipfel, er wächst auch allmählich den wahren Lebenswanderern schattenspendend ins Herz hinein. Und ein Vöglein sitzt zur Sommer- und Winterszeit, mag’s auch donnern, hageln und schneien, an der Spitze des obersten Astes, das singt in abwechselnd wiederkehrenden Weisen von „Auch Einem“, der sich die Sonne nicht verhängen lassen wollte von den Millionen Nebelwichtlein des Alltags, die Sonne des Seins in Schönheit und Wahrheit. Singt mit wehmütigem Laut von Einem, in dessen Brust sich ein langer, quälender, geräuschloser Kampf auskämpfte zwischen dem selten zarten Lichtseelchen des Künstlers und den staubgrauen Götzen der Gewöhnlichkeit. Und singt am frohsten, wenn sich das feine Lichtseelchen sorgenledig und gelassen auf den blühenden Rosen des gewonnenen Lebens wiegt …
Erquicken Sie sich mit mir zuerst an einigen „Gedichten in Prosa!, in denen Flaischlen seine künstlerisch gewähltesten Wirkungen erzielt:

 

IM KAHN

Schaukelt weiter mich, ihr Wellen! .. schaukelt weiter mich, ihr Winde .. durch die wunderbare Ruhe dieser lichten Einsamkeit .. leise, leise wiegt mich weiter in die Ferne
zu den stillen, weißen Wolken, die den Horizont umklimmen ..
Tragt mich fort, wohin ihr wollt!

 

Immer mehr versinkt die Küste mit dem Strand und mit den Bergen ..
Alles wird zu blauem Glanz ..
Selig lieg‘ ich auf dem Rücken, horche auf die Ammenlieder, die mir Wind und Wellen singen .. falte langsam meine Hände .. schließe lächelnd meine Augen und verträume in den Himmel,
wie ein Kind in stiller Wiege ..

 

Meine Mutter ist die Sonne —
— — — — — —
meine Mutter ist die Sonne
und ich weiß, sie hat mich lieb!

 

Nach dem Meerlied das schlichte Waldidyll:

 

SONNENTAGE

Einzig schöne Tage, Sonnentage der Seele ..
da sie stille liegt in wunschlosem Traum, wie der Märchensee hoch oben in stiller Schwarzwaldberge grüner Einsamkeit!
Keine Welle kräuselt seinen klaren Spiegel .. nur wenn eine weiße Wasserrose in froher Sonnensehnsucht sich aus seiner Tiefe hebt
oder wenn ein kleiner Vogel, ein Liedchen zwitschernd, über ihn streift, mit leichtem Flügel
oder
ein braunes Reh aus den Tannen tritt, an ihm zu trinken:
Dann das sonnensatte Bild der Mühle im Abendrot:

 

DIE MÜHLE

Steigende Abendwolken .. blei-grau-blau-schwer .. wie ferne Alpen sich auftürmend ..
die sinkende Sonne dahinter, die Ränder mit blendendem Gold umkantet ..
auf der Hügelhöhe mitten im glühenden Feuer des Abendrots eine Mühle, langsam die Flügel drehend,
als schaufle sie der Sonne rinnnend Gold in ihre Tenne.

 

Aus den Versgedichten, die vielfach kräftige, aufrichtige Abrechnungen mit sich und der Welt und Selbstermutigungen (nur hier und da in etwas trockenem Ton) enthalten, das kleine charakteristische Lied

 

JENSEITS DER STRASSE

Es ist nur Schein und ist nur Phrase,
Drauf dünkelstolz der Alltag stelzt ..
Das Beste liegt jenseits der Straße,
Da sich der große Haufe wälzt.

 

Jung und mit Leichtsinn nur zu finden,
Jenseits der Straße, ein Versteck,
In quelldurchrauschten Rosengründen
Und üppig wildem Dorngeheck.

 

Und zuguterletzt aus den schwäbischen Dialektgedichten „Vom Haselnußroi“ noch das schalkhafte

 

WIE S ÄLS GÕHT

I han koi Rueh meh
Ond fend koin Friede,
Seit i die küßt han
Ond „du“ zue d’r gsagt:

 

I ka nemme schlôfe-n,
Ond ka nemme schaffe,
S isch grad äls wann me
Sonst woiß was hätt packt —

 

Des oi no jetzt bitt e;
Mach gscheidt me wieder,
Mach me vernönftig,
Ond lôß den Danz.

 

Gib m’r de-n Abschied
Ond lôß me laufe!
Oder, Schatz, gib de —
Gib de m’r ganz!

 

Ja, es gibt auch heute noch, wie Cäsar Flaischlen beweist, Dichtergeister, die als Mensch und Künstler eine unlösliche Einheit bilden, und die den vornehmen, beharrlichen Mut haben, ihr Publikum zu sich emporziehn, um es in seinem besten Bestand dann nicht wieder zu verlieren.

 

 

Link: Karl Henckell (Wikipedia)
Link: Karl Henckell, Dichter, Verleger und Herausgeber