Theodor Fontane


* 30. Dezember 1819 in Neuruppin, † 20. September 1898 in Berlin

Hanns Fechner Portrait Theodor Fontane
Fundecke
Ein Brief von Theodor Fontane an Cäsar Flaischlen
von Walter Hettche, München
Veröffentlicht in den Mitteilungen der Theodor Fontane Gesellschaft e.V., Potsdam, Heft 5/1993

Nachdem Fontane sich im Winter 1895/96 mit dem Herausgeber der Deutschen Rundschau, Julius Rodenberg, überworfen hatte, mußte er sich nach anderen Zeitschriften für die Vorabdrucke seiner Werke umsehen. Im Tagebuch schreibt er: „Ich habe nun infolge des Rückzuges von der Rundschau mit anderen Blättern anzubändeln versucht und habe auch welche gefunden: Pan, Cosmopolis, ,Über Land und Meer‘ […]. Im ,Pan‚ erschienen Gedichte von mir, darunter ‚Luren-Concert‘, ‚Arm oder reich‘ und drei, vier andre.“[I]
Die im Jahre 1894 gegründete und 1895 erstmals erschienene Zeitschrift „Pan“ wurde von einer Genossenschaft herausgegeben, der neben Arnold Böcklin, Max Halbe, Harry Graf Kessler, Fernand Khnopff, Max Liebermann, Detlev von Liliencron, Franz Stuck und vielen anderen auch Fontane angehörte. In seinen Briefen an Richard Dehmel, der zunächst für die literarischen Beiträge des „Pan“ redaktionell verantwortlich war, kommt Fontanes kritische Haltung gegenüber dem Konzept der Zeitschrift zum Ausdruck: „Es ist zu gewichtig und dadurch – zu wichtig“, schreibt er am 28. November 1894. „Gewichtig“ war der „Pan“ in der Tat: Die Bände im Format 28 mal 36 cm brachten literarische, literaturgeschichtliche und kunsthistorische Beiträge namhafter Autoren – unter ihnen Hugo von HofmannsthaI und Heinrich Mann – und waren exquisit ausgestattet; jede Nummer enthielt zahlreiche Illustrationen und Originalradierungen bedeutender Künstler, und die erlesene Typographie der Leipziger Offizin Drugulin gab dem Unternehmen zusätzlichen Glanz. Heute gehört die Zeitschrift, die vom zweiten Jahrgang bis zu ihrer Einstellung im Jahre 1900 übrigens im Verlag von Fontanes Sohn Friedrich erschien, zu den seltensten und teuersten Büchern auf dem Antiquariatsmarkt.
Vom 3. Heft des 1. Jahrgangs 1895/96 an lag die redaktionelle Betreuung des literarischen Teils in den Händen des Schriftstellers und promovierten Germanisten Cäsar Flaischlen (1864 – 1920). In dessen Nachlaß im Deutschen Literaturarchiv in Marbach befinden sich fünf unveröffentlichte Briefe Fontanes, von denen der erste hier mit freundlicher Genehmigung des Archivs abgedruckt wird. Die beiden Gedichte, die Fontane darin erwähnt, sind „Auf der Kuppe der Müggelberge (Semnonen-Vision)“ – dies mit einer Illustration von Walter Leistikow geschmückt – und „Arm oder reich“ mit dem bekannten Schlußvers „Sonst bin ich für Brot in die Suppe brocken“.
Die kritischen Anmerkungen Fontanes beziehen sich auf Flaischlens Aufsatz „Die moderne Dichtung. Ein Rückblick“ in Heft 4 des 1. Jahrgangs, der auch Fontanes Gedichte „Luren-Konzert“, „Fite, but don’t hurt the flag“ und „Die Balinesenfrauen auf Lombok“ enthielt. Flaischlen schreibt über die Lyrik der 60er und 70er Jahre: „Die Kriege und Siege von 1866 und 1870/71 donnerten über die Welt. Es riss sie [die Dichter] mit und sie rafften sich auf. Nicht ein Einziger aber schuf etwas Bleibendes, nicht ein Einziger aber fand ein Wort, das sein Volk im Herzen behalten hätte, als unvergessenen Dichterweihgruss jener Tage. […] Nicht dass kein Sinn dafür vorhanden gewesen wäre, wie man gern entschuldigen möchte: wer das Schwert in der Hand habe, habe keine Zeit für Kunst! Nein, es war kein Dichter da! Kein Dichter wenigstens, wie er not gethan und den‘ seine Begeisterung zur Persönlichkeit gereift hätte, wie das bei Arndt und Körner der Fall war“ (S. 238),
Fontanes Einwände gegen die Äußerungen Flaischlens sind in mancher Hinsicht typisch für seinen Briefstil. Briefe sind ihm nicht nur ein Medium der Mitteilung an einen Korrespondenzpartner, sondern oft auch der Ort des Selbstgesprächs, des Nachdenkens, der Formulierung ins Unreine, was sich in einer manchmal etwas sprunghaften und schwammigen Argumentationsweise niederschlägt. Im Schlußabsatz unseres Briefes läßt sich das besonders gut beobachten: Man muß die Sätze schon mehrnlals lesen, um zu verstehen, wie die Rezeption des Liedes ,,0 Haupt voll Blut und Wunden“ mit der Lyrik der Gründerzeit in Zusammenhang gebracht werden soll. Aber genaues Lesen schadet nie, und schon gar nicht, wenn es um einen Brief Fontanes geht.
Berlin 24. Febr. 96. Hochgeehrter Herr.
Allerschönsten Dank für Ihren Brief und den Ausdruck meiner Freude darüber, daß Ihnen die beiden Gedichte gefallen. Man weiß doch nie, wie’s damit steht; das Urtheilen in eigener Sache bleibt mißlich.
Ich erhielt inzwischen auch das 4. Pan-Heft. Ich glaube, daß Sie nur Freundliches darüber hören werden. Ob jedes jedem gefällt, darauf kann es gar nicht ankommen, nur darf nicht ausgerufen werden „wie ist es möglich,“ – was doch bei den voraufgegangenen Heften ein wenig der Fall war.
Ihren Aufsatz habe ich mit Interesse und Zustimmung gelesen, überall Maß, was so viel bedeutet, Nur die Kriegslyrik von 64 bis 70 kommt etwas zu schlecht weg. Es fehlte nicht so sehr an Stimmen als an Ohren oder sag ich lieber, nicht so sehr an Stimmen als an Stimmung. Einzelnes aus jener Zeit ist wirklich recht gut, aber man sprang sofort in die Milliarden hinein und begann zu gründen. Es war alles zu glatt verlaufen. „0 Haupt voll Blut und Wunden“ ist nur so berühmt geworden, weil es immer Unglückliche und Sterbende giebt. In vorzüglicher Ergebenheit
Th. Fontane

1 Das Fontane-Buch Beiträge zu „einer Charakteristik. Unveröffentlichtes aus seinem Nachlaß. Das Tagebuch aus seinen letzten Lebensjahren. Hrsg. Ernst Heilborn. Berlin 1919, S. 194. – Die Hefte t – 3 des 1. Jahrgangs 1895/96 hatten den Vorabdruck dreier Kapitel aus „Von Zwanzig bis Dreißig“ gebracht.

(Herzlichen Dank für die Übersendung dieses Textes Herrn Dr. Walter Hettche, München)

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