Von Schiller und von uns


Punkte und Linien eines Vortrags

von Cäsar Flaischlen

Gedruckt für ihre Freunde auf  Neujahr 1911
von Gebr. Klinspor in Offenbach am Main
als erster Druck aus der Fraktur von Otto Hupp

Johann Christoph Friedrich von Schiller
(* 10. November 1759 in Marbach am Neckar, † 9. Mai 1805 in Weimar, Sachsen-Weimar, 1802 geadelt)

Johann Wolfgang von Goethe
(* 28. August 1749 in Frankfurt am Main, † 22. März 1832 in Weimar, 1782 geadelt)

 

Goethe Schiller Weimar 3Es ist ein kleines, unscheinbares Häuschen in einem abgelegenen Winkel Schwabens, zu dem uns der Gedanke an Schillers Geburtstag durch einen Zeitraum von über 150 Jahren zurückträgt. In stiller Weltabgeschiedenheit, eine Stunde Bahnfahrt von Stuttgart aus.

Und wir denken der Kindheit des Mannes, der da der Welt geboren wurde. Seines Vaters, seiner Mutter und der Landschaft, in der er seine Jugend verbrachte. Seiner Schuljahre in Ludwigsburg und des ersten Kampfes des zwölfjährigen Knaben zwischen Pflicht und Neigung, als ihn sein Herzog in die neu gegründete Militärakademie befahl, so daß er seinen Wunsch, Pfarrer zu werden, aufgeben mußte.

Und wir denken: wie die zurückgedrängte Sehnsucht, seinem inneren Glauben folgen zu dürfen, sich schließlich gewaltsam Bahn brach und wie er das Joch seines Zwingherrn abschüttelte und sein Schicksal trotzig in die eigene Hand nahm … in unerschütterlicher Zuversicht, daß es ihm glücken müsse, sein Leben zur Höhe reiner Harmonie zu tragen.

Und wir denken an seinen Kampf mit Enttäuschungen und Mühsalen und wie er alles, was er wollte, Jahr um Jahr einem nichtwollenden, widerstrebenden Körper abtrotzen mußte .. und wie es immer wieder der Glaube an das Gottesgnadentum in seiner Brust und sein alles zu Verklärung zwingender Idealismus war, der ihn Schritt um Schritt zum Sieger werden ließ .. bis ihm auf der Höhe plötzlich der Tod den Weiterweg zu noch höheren Höhen abschnitt.

Es ist Schiller und immer wieder Schiller, der in Überlebensgröße am Toreingang des vorigen Jahrhunderts unserer Geschichte aufragt und gleich einem unsichtbaren Führer unser Volk von Jahrzehnt zu Jahrzehnt geleitet … den Weg, den er selbst uns vorgegangen: per aspera ad astra.

Wie Rolandruf hallt sein Werk durch die Welt des zusammenbrechenden deutschen Reiches und weckt die Geister aus ihrer zerfahrenen müden Gleichgültigkeit und einigt sie wieder um die Banner einer großen Idee: das jahrhundertlang getragene Joch fremder Zwingherren abzuschütteln und sich zu sich selbst zu finden.

Und der unbeugsame Glaube an den Sieg des Ethischen im Menschen, an die alles zwingende Macht eines starken Willens, die ihn selbst zur Höhe getragen, führt uns weiter von Aufstieg zu Aufstieg. Aber auch nachher, in den Zeiten der Reaktion und der Stagnation, immer wieder ist es Schiller, zu dem die wachgewordene Erkenntnis unseres Volkes flüchtet und bei dem sie immer wieder Stärkung und Zuversicht findet … bis sie in dem Jubel der 100. Geburtstagsfeier 1859 rückhaltlos durchbricht und bis dann Tat daraus wird und Bismarck mit dem Schwert in der Hand der aufstürmenden Sehnsucht Erfüllung und Gestalt erzwingt.

Es war Bismarck, der das Reich schuf, aber es war Schiller, der den Boden aufriß, auf dem es werden konnte. Der Mann der Tat kam aus Norden, der Mann des Worts aus Süden, aus Schwaben.

Ich weiß nicht, inwieweit man diesen Fragen schon nachgegangen ist und ob man das eigentlich Schwäbische bei Schiller schon zu skizzieren versucht hat und dem gegenüber vielleicht das Norddeutsche und Niedersächsische in Bismarck. Eine Reihe von Momenten in Charakter und Temperament, die wir als rein persönliche Sonderheiten ansehen und deren Erklärung schwer und umstritten ist, würde sich von diesem Punkt aus vielleicht lösen. Für den Norddeutschen ist bei Bismarck vieles durchaus verständlich, was den Süddeutschen fremd anmutet, und so umgekehrt bei Schiller.

Wenn man ihn einen Adler ohne Nest genannt hat und wenn man, wie dies ja immer wieder geschieht, die Frage aufwirft: was Schiller ganz besonders als Dramatiker, eigentlich mit Schwaben zu tun habe, so kann dies nur von Seiten geschehen, denen der schwäbische Charakter völlig unbekannt ist. Für den Schwaben hat Schiller mit seiner ganzen Art etwas sozusagen Selbstverständliches. Der Schwabe ist so. In Gut und Böse. Es sei nur an die bekannten Verse erinnert:

Der Schiller und der Hegel,
der Uhland und der Hauff,
das ist bei uns die Regel,
das fällt uns gar nicht auf.

Schon diese heitere Selbstbespöttelung ist sehr bezeichnend. Nur ein genauer Kenner des schwäbischen Volkscharakters aber wird das innere Werden z.B. von Schillers Sprache wirklich beurteilen können und was dazu gehört, die angeborene schwäbische Schwerfälligkeit in Form und Ausdruck so zu überwinden, Abstraktes derart ind Konkrete zu zwingen und Wort und Ausdruck zu dieser selbst von Goethe nicht erreichten Künstlerschaft zu gestalten. Für Schiller, der in seinem Elternhaus und auch von seinen Lehrern wohl kaum viel Hochdeutsch gehört hat, war dieses von vornherein eine Art Kunst, etwas, das er sich erst erobern mußte.

Sein Stil muß von hier aus verstanden werden. Und wenn seine ganze Sprache, ja ich möchte sagen, sein gesamtes Denken sich auf Antithese aufbaut, so liegt hier ein Schlüssel dazu. Ich will die Vorliebe für antithetische Redeweise nicht als ausschließlich schwäbische Eigenart in Anspruch nehmen, aber sie ist für den Schwaben immerhin bezeichnender als für den Norddeutschen.

Schillers Vater hat in späteren Jahren ein Buch herausgegeben mit dem Titel: „Die Baumzucht im Großen auf Grund zwanzigjähriger Erfahrungen im Kleinen.“ Das erläutert, was ich meine. Die paar Worte geben ein Sehen der Dinge gleichzeitig von zwei Seiten.

Der Vater eines norddeutschen Schillers würde wahrscheinlich nur ganz kurz geschrieben haben:
„Die Baumzucht im Großen“ … und allenfalls auch noch: Auf Grund zwanzigjähriger Erfahrungen“, und hätte es hiebei bewenden lassen.
So unwichtig dies vielleicht auch sein mag, es öffnet uns doch allerlei Türen zu Schillers Art und vielleicht gerade zum Verständnis von dingen, die die Kritik gegen ihn ausspielt.
Ich sehe ihn förmlich dasitzen als kleinen Jugen, als ihm dergleichen zum erstenmal auffiel, und solche Wendungen durchdenken und sich klar machen, was sie sagen wollen, uns sehe, wie es ihn freut, dem Gedankenspiel dahinter auf die Spur gekommen zu sein, und wie sich die gewonnene Erkenntnis festwurzelt und nach und nach zu einem Quellpunkt seines ganzen Schaffens wird.
Goethes Sprache und Denkart und Schaffensweise ist durchweg anders.
Goethes Art ist älter, die Schillers jünger.
Schillers Art ist antithetisch, zornig, die Gegensätze zusammenzwingend:

„Leicht beeinander wohnen die Gedanken
Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen!“

Überraschend, aufwirbelnd, stutzig machend und zum Widerspruch herausfordernd, wenn man nicht wie Schiller selbst darüber steht und sich freut, wie er Worte und Gedanken meistert.
Goethes Art ist synthetisch, ruhig, die Gegensätze verbindend, vermittelnd, überbrückend und zum Ausgleich bringend.
Und wie im Einzelnen und Kleinen, so auch im Ganzen und Großen, und nicht bloß in ihrer Kunst, sondern auch in ihrem Leben.
Schiller muss sich durchsetzen, Goethe lässt sich treiben. Schiller ist Kämpfer, Goethe von vornherein Sieger. Schiller will, Goethe ist.
Diese zwei verschiedenen Arten zu sein und zu denken, sind im letzten Grund vielleicht die zwei Auslösungsmöglichkeiten alles künstlerischen Schaffens überhaupt. Eine Analyse wird immer auf diese beiden Quellgebiete zurückkommen, obgleich sie sich ineinander überzweigen.
Wir gewinnen von diesem Punkt aus Aufschluß nicht bloß über Schiller, nicht bloß über Goethe, wir gewinnen auch Aufschluß vor allem über uns selbst und ber die auf den ersten Blick beinahe unverständlichen Wandlungen, denen unsere Einschätzung Schillers und Goethes immer aufs neue unterworfen ist.
Schiller gegenüber pendelt sie antithetisch zwischen Begeisterung und Ablehnung hin und her, während sie Goethe gegenüber synthetisch verläuft, in steter ruhiger Aufwärtsbewegung, als ob beides nur ein Gegenbild ihrer eigenen Art wäre.
Wir kommen von hier aus auch zu einer Erklärung der immer müßigen, aber immer neu auftauchenden Frage: Schiller oder Goethe? Wer ist größer? Man könnte immer noch dicke Bücher darüber schreiben, aber wir müßten nachgerade so viel Abstand und andererseits so viel Nähe wieder zu ihnen haben, um zu erkennen, daß wir beide nicht anders nehmen und verstehen dürfen, denn so, wie sie sich selbst deuten und wie sie von Rietschels Meisterschaft verstanden und geformt in Weimar stehen: als Ein-Eines.

Es ist bekannt, wie wenig Schiller und Goethe sich zuerst vertrugen, wie ablehnend sie sich zueinander verhielten, trotz einzelner Besuche, und wie lange es dauerte, bis eine Annäherung zu Stande kam.
Sie empfanden die Verschiedenheit ihres Wesens und Wollens und fühlten, daß sie sich gegenseitig im Wege stünden. Und das war auch wohl so. Bis schließlich aber doch der Tag kam, an dem ihnen eine bessere Erkenntnis wurde.
Ich kenne kein ergreifenderes und erhebenderes Sinnbild, als dieses Denkmal der beiden Dichterfürsten, die sich erst als Gegner betrachten, bis jeder von ihnen so reif geworden, die Art des anderen in neidloser Größe anzuerkennen und mit eigener bester Kraft zu fördern und zum Sieg zu tragen.
Und es ist ja nicht nur Schiller und Goethe, es ist unser deutsches Volk, das daoben steht, in Gestalt zweier seiner Besten, unser deutsches Volk, das sich auch lange genug feindlich gegenüberstand, bis endlich doch die Stunde schlug.
Es wäre wirklich an der Zeit, daß wir diese Primanerfrage, wer größer sei, endlich ausschalten und beide als Ein-Eines zu verstehen und zu empfinden lernten, als Verkörperung eines Geistes, nur eben in verschiedenen Phasen seiner Entwicklung, in Phasen, die wir alle, als Volk und als Einzelne, ganz ebenso durchlaufen. Auch der Einzelne ist ja nicht bloß entweder oder, sondern immer Schiller und Goethe, jedes eben zur gegebenen Zeit. Sehnsucht und Erfüllung. Unsere Jugend ist antithetisch, unsere reiferen Jahre sind synthetisch.
Und noch eines.
Schiller starb im Alter von 45 Jahren. Man überdenke, was das heißt! Während Goethe ein Alter von 83 beschieden war.
Hätte Goethe dieses Schiller-Schicksal getroffen, so hätten wir vom Jahre 1794 an nichts mehr. Zu allererst Rietschels Denkmal nicht. Also weder ihren Freundschaftsbund noch ihren Briefwechsel.
Wir hätten einen großen Teil der besten Gedichte Goethes nicht. Wilhelm Meisters Lehrjahre wäre Fragment geblieben, Hermann und Dorothea ungeschrieben.
Wir hätten vor allem keinen Faust.
Wir hätten weder die Wahlverwandtschaften, noch die Wahrheit und Dichtung, noch den westöstlichen Divan, noch Wilhelm Meisters Wanderjahre, noch den zweiten Teil des Faust, noch Eckermanns Gespräche.
Man überdenke, was das heißt!
Zu den Wandlungen in der Einschätzung Schillers:
Immermann schon schreibt in seinen Memorabilien, in denen er aus der Zeit von 1812 erzählt:
„Ich halte es als ein Hauptverdienst Schillers, der größere Jugendschriftsteller der Nation geworden zu sein. Unbeschadet meiner Verehrung für ihn darf ich wohl gestehen, daß die Zeit mir ziemlich nahe zu sein scheint, in welcher er dem männlichen Alter ebenso wenig mehr bieten wird, als ihm z.B. Herder schon jetzt noch bietet.“
Diese Bemerkung war mir immer lehrreich, als frühes Symptom einer Erscheinung, die man heute auf den verschiedensten Seiten bemerken kann:
Schiller sozusagen nur für die Jugend gelten zu lassen. Der Erwachsene glaubt über ihn hinaus zu sein und ihn überwunden zu haben.
Es war zunächst vor allem die Gegnerschaft der Romantiker, dann die Kritik Otto Ludwigs, die von Schiller abdrängte … und zuletzt die der Generation, die zu Anfang der 80er Jahre zwanzig war und eine moderne Kunst zu schaffen suchte.
Sie kam auch von Schiller, aber der ganz Rationalismus und Materialismus der vorauffolgenden Jahrzehnte war in ihr wirksam geworden und dabei auch der Drang, die Welt, sie sie selbst sah und lebte und aus den Zeitungen erfuhr, zu Kunst umzugestalten. Ein Drang, den Schiller zweifellos nur mit Freude begrüßt hätte.
Wie immer aber: der Kampf, den sie zu kämpfen hatte, trieb sie weiter und weiter und zwang sie mehr und mehr ins Extreme und damit immer weiter von Schiller ab.
Der Realismaus der ersten Jahre gestaltete sich zu bewußtem und möglichst betontem Naturalismus aus und eroberte sich dann durch die Gründung der freien Bühnen das Theater. Da aber der uranfängliche Weg, der von breiter sozialer Grundlage aus auf große Gesichtspunkte zielte, in kleinen Milieufragen stecken blieb, verflüchtete sich alles schließlich zu bloßem Impressionismus.
Zehn Jahre … und die Dinge kamen ins Stocken und man erkannte, daß die errungenen Siege eigentlich nur Pyrrhus-Siege waren, und ein Rückschlag zu einer neuen Romantik trat ein.
Wollte es der Naturalismus sozusagen der Wissenschaft gleich tun, so ließ sich der Impressionismus seinerseits von unserer bildenden Kunst beeinflussen, während die augenblickliche Neuromantik sich die Musik zur Gevatterin geholt hat.
Da wir auf diese Weise nun an den Nachbargebieten allmählich herum sind, kommt unsere Dichtung in absehbarer Zeit vielleicht auch wieder auf den Punkt: keine Anleihen mehr zu versuchen, sondern sich wieder auf ihre ihr-eigenen Grenzen allein zu konzentrieren.

Wir waren Wissenschaftler, Maler und Musiker in unserer Dichtung und sozusagen nur nebenbei Dichter. Anstatt jedoch die Errungenschaften, die durch diese Übergriffe erworben wurden, dem eigenen Zweck dienstbar zu machen und diesen so zu bereichern, haben wir uns an sie verloren. Erkenntnis, Farbe, Ton kann für den Dichter nie Selbstzweck, sondern lediglich Steigerung der Mittel seiner Kunst sein. Und wenn Erkenntnis das Gebiet der Wissenschaft ist, Farbe das der Malerei, Ton das der Musik, so ist der Gedanke das Gebiet der Dichtung. Der Gedanke, d.h. Wort und Sprache und was Wort und Sprache will und kann, und seine körperhafte Gestaltung. (Alles natürlich immer: plus Form verstanden.)

Aber die Gründe liegen tiefer und sind zugleich auch die Gründe, die Schiller der Welt von heute in der Tat etwas entfremdet haben: wir haben keine große einheitliche, d.h. Zentripetal wirksame Weltanschauung … es sei denn, man nenne den Materialismus eine solche, der bis jetzt aber nur zentrifugal in Erscheinung tritt.
Wir haben überall das Ziel verloren, in dem die Dinge sich zusammenschließen. Es ist alles schwankend geworden und gewissermaßen dem Belieben des Einzelnen anheimgestellt. Ignoramus, ignorabimus!
Wir müssen zurück zu Schiller mit unserer Kunst, wenn wir wieder vorwärts kommen wollen! Zurück mit den Bereicherungen, die wir von uns und aus unserem veränderten Leben neu gewonnen haben.
Wir müssen zu seiner großen Linie zurück! Und nicht bloß unsere Kunst, unser gesamtes Leben!
Es sind völlig andere Bedingungen, unter denen sich das Dasein heute abwickelt, unser Seelenleben aber ist so gleich geblieben, wie es sich wohl immer gleich bleibt. Es ist die Form nur, die sich wandelt!
Wir haben uns mit einer fast beängstigenden Schnelligkeit in einer Zeitspanne von kaum zwei Generationen auf allen Gebieten zu einer Höhe emporgeworfen, deren sich jeder, der noch Erinnerung oder Empfindung für die Zeiten und Zustände vorher hat, nur mit immer neuem Staunen bewußt werden wird.
Unsere Naturwissenschaft hebt Schleier um Schleier und enträtselt Geheimnis um Geheimnis.
Unsere Forschung durchleuchtet die verborgensten Winkel, unterwirft Punkt um Punkt einer Revision und ruht und rastet nicht, was Jahrtausende lang verschüttet und begraben lag, zu neuem Leben zu erwecken.
Unsere Künste haben sich zu einer Virtuosität und zu einer Verfeinerung durchgestaltet, die kaum noch weiter getrieben werden kann, wenn man mehr als bloße Seiltänzerei von ihnen will.
Unsere gesamte Lebensführung hat sich in einer Weise gesteigert, daß heute so gut wie fast Allen möglich geworden ist, was zu Schillers Zeiten nur ganz wenigen möglich war.
Wir leben durch unsere Presse in unmittelbarem Zusammenhang mit der gesamten Welt, und jeden Morgen braust ihr ganzes buntes Treiben in unser stilles Zimmer.
Und doch und dennoch stehen wir da und haben trotz allem keine wirkliche innere Freude an unseren Triumphen. Der Augenblick berauscht uns, aber er schafft uns kein Genügen für morgen. Wir stehen voll Sehnsucht in der Brust und suchen nach allen Seiten und warten und warten .. als ob etwas kommen müsse, irgend etwas, das uns zurückgäbe, was wir einmal gehabt!

Solange Bismarck da war, ging es noch, aber seit er weg ist, ist niemand mehr da. Es gibt wohl viele, die politisch an die Spitze drängen, aber es ist niemand, der unserem Volk auch ethisch als Führer voranginge.
Wir müssen zurück zu Schiller, wenn wir wieder vorwärts kommen wollen!
Wir sind dem Glauben untreu geworden, der ihn zur Höhe trug und uns mit ihm!
Wir wollen nichts Großes mehr gelten lassen und haben doch Sehnsucht danach! Wir zerzerren alles ins Kleine!
Wir haben alles aufgelöst, was wir aus früheren zeiten als Ewigkeitswerte überkommen haben, zerdacht und zerlacht!
Wir sind so weit, daß wir das bloße Wort Ideal nur noch in Anführungszeichen zu sprechen wagen und daß man es nur noch mit Achselzucken beantwortet!
Verstand ist alles, Empfindung nichts!
Wir sind so gescheit und gelehrt worden, daß wir vor lauter Bäumen keinen Wald mehr kennen und geraten immer hilfloser in eine immer unerquicklichere Spezialisterei, auf allen Gebieten, anstatt uns zur großen Linie durchzusuchen!
Wir denken alles auseinander, anstatt zusammen!
Wir müssen zu Schiller zurück!
Backsteine allein sind kein Haus! Wir müssen endlich anfangen, an seinen Bau zu gehen!
Wir können, was man können kann! Wir haben Wissenschaft genug und auch Technik genug! Wir müssen endlich weiterkommen!
Auch das Automobil ist nur neuer Betrug und keine Erlösung!
Es ist völlig gleichgültig, ob ein Dampfschiff viereinhalb oder fünf Tge nach Neuyork braucht … es gibt wichtigere Dinge!
Wir müssen heraus aus diesem Industriealismus und aus dieser Rekordmeierei, die alle Werte verschiebt!
Wir müssen wieder Abstand gewinnen und die Dinge des Daseins in eine vernünftige Perspektive bringen!
Baumzucht im Großen auf Grund zwanzigjähriger Erfahrungen im Kleinen!
Wir müssen den Blick zur Ewigkeit wieder frei bekommen und uns wieder begeistern können und auch dürfen! Auch das ist ein Naturrecht!
Was Begeisterung vermag, bewies der Tag von Echterdingen!
Da waren wir für ein halbes Jahr lang wieder einmal, die wir sein möchten! Da waren wir Schiller!

Und es war noch eine Zeit vor 10 Jahren: Die Zeit der Burenkriege! Auch da waren wir Schiller! Wir schämen uns heute dieser Begeisterung! Die Nicht-Schiller haben uns ihre Klugheit aufgezwungen! Gewiß! Gewiß!

Aber wir dürfen Schiller nicht zu bloßer Jugendschwärmerei werden lassen und uns zu Goethe flüchten!
Wir sind als Volk noch lange nicht reif für Goethe! Wenn wir es wären, griffen wir ganz von selbst zu Schiller! Wir können seiner nicht entbehren!
Wir sind in einer Zeit wie Goethe von 1788 an, da er von Italien zurückkam, bis er zu Schiller fand. Er hatte die Lust verloren zu großem Schaffen und zersplitterte sich an hundert Dinge, die alle aber nur seinem Wissens- und Erkenntnisdrang Genüge taten, ohne ihm gemütlich und innerlich etwas zu geben, und – er mochte Schiller nicht, er fühlte sich ihm überlegen, nicht bloß den Jahren nach, sein Pathos mißhagte ihm, seine ganz ungestüme Art .. und da fielen ihm eines Tags „Die Götter Griechenlands“ in die Hände, und er ging zu ihm und suchte ihn von sich aus zu verstehen ..
und neues Leben überkam ihn und er fing wieder an, jung zu werden, und begann zu arbeiten und Schiller half mit ..

Wir wollen es Goethe nachtun und uns Schiller holen! Er hilft! Er hat noch immer geholfen!
Aber wir müssen mit anfassen, wenn etwas daraus werden soll! Wir müssen Tür und Tor und vor allem unser Herz aufmachen!
Es ist nicht Politik, es ist nicht Wissenschaft, es ist nicht Industrie, es ist nicht Technik, was uns Erlösung bringen kann! Es ist nur ein Dichtertum mit den Idealen Schillers, dem es glücken würde, uns aus unserer Müdigkeit zu reißen.
Oh, ich möchte aufspringen, immer wieder … und durch die Welt reiten auf weißem Pferde mit flatternden Fahnen:
Du Dichter stehe auf
und lasse es jedes Opfers wert sein und sei du, was die Menschen nicht sein können bei ihrem Kampfe um ihr täglich Brot.
Du Dichter sei ihr Klärer und Währer und Richter und Aufrichter!
Sei der Freund, der ihnen not tut!
Zeige ihnen Ziele, schaffe ihnen Wegweiser und geh voran und leb es ihnen vor: daß deine Träume stolzer sind und weiter tragen als die Wirklichkeit!
Dein Wort ist mächtiger in seiner Stille, als alles Geschrei ihrer Propheten!
Mächtiger als der Lärm ihrer Städte und Märkte!
Mächtiger als aller Gegenwille!
Es siegt darüber hinweg, wie der Frühling über den Winter hinwegsiegt!
Und da kein anderer es wagt ..
du Dichter stehe auf und gehe zu ihnen und sage:
Ich komme zu euch und ich bin von Gottes Gnaden und will euch heißen, was er mich geheißen:
Es gibt nur einen Weg zur Freiheit!
Und nur: durch die Gesetze, die eure Großen euch geschaffen haben,
nicht gegen sie!
Erfüllt sie
und ihr werdet fühlen, wie sie tragen und eure Flügel immer weiterbreiten!…

Du Dichter stehe auf und gürte dein Gewand und ziehe durch die Länder und sei ein erster früher Bote dieser Zeit!